Mit dem Hausboot in Friesland unterwegs

Hausboot in Friesland

Auf einer Tour mit dem Hausboot in Friesland lohnt sich ein Abstecher in den Nationalpark De Alde Feanen.
© Foto: Meike Nordmeyer

Diesmal kommt der Wind aus der richtigen Richtung. Er hilft beim Anlegen und pustet das Hausboot langsam an die Wiesenkante, die unsere Anlegestelle im Nationalpark De Alde Feanen bildet. Kapitän Roland blickt von seinem Steuerstand an Deck herab und nickt zufrieden. Elke und ich stehen schon mit den hellblauen Leinen in der Hand am Bootsrand parat. Das ist unsere Aufgabe, wir sind die Matrosen an Bord. Elke springt vorne zuerst auf die Wiese und bindet das Boot an einem der Poller fest, die dort aus dem strubbeligen Grasbüscheln hervorragen. Dann hopse ich ins Grün und mache die Leine hinten fest. Wir sind ein eingespieltes Team, denn wir sind schon mehrere Tage mit dem Hausboot in Friesland unterwegs und haben schon kompliziertere Situationen glänzend gemeistert oder auch mal mit Ach und Krach überstanden. Diesmal also die ganz geschmeidige Variante.

Das Hausboot liegt fest vertäut, der Kapitän stellt den Motor aus. Die Wasserlandschaft des Nationalparks lädt uns nun in ihre Stille ein. Es ist eine feine frische Ruhe, durch die nur der Wind streift. An einem abgelegenen Naturanleger wie diesem festzumachen, ist besonders schön an so einer Tour. Wenn alle Systeme an Bord im grünen Bereich sind, genug Sprit, Strom, Frischwasser und Lebensmittel vorhanden sind, ist das für ein oder zwei Nächte problemlos machbar und das Anlegen in einer Marina gar nicht erforderlich. Wir sind gut vorbereitet und haben es so eingerichtet, dass wir das auf unserer einwöchigen Tour mehrmals genießen können. Wir, das ist unser Team aus vier Bloggern, Simone und Roland vom Blog Nach-Holland, Elke vom Meerblog und ich.

Nachdem die Leinen festgebunden sind, gehe ich direkt wieder an Bord und hole meine Kamera und mein iPhone. Ich habe es mir angewöhnt, beim An- und Ablegen diese Apparate besser unter Deck liegen zu lassen und sie nicht um den Hals baumeln zu haben oder in der Hosentasche zu tragen – sicher ist sicher. Nun hole ich mir schnell die Geräte, denn ich muss unbedingt das orangefarbene Boot vor dem kleinen Haus im Schilf fotografieren. Ich stiefele über die Wiese, um die beste Position dafür zu suchen. Die Kolleginnen Elke und Simone machen sich auch sogleich auf Fotopirsch.

Im Nationalpark De Alde Feanen

Traumhaft schön: im Nationalpark De Alde Feanen. © Foto: Meike Nordmeyer

Gestartet haben wir unsere Hausboot-Tour in Woudsend, einem kleinen friesischen Ort, wo sich im September, zum Ende der Saison 2016, noch eine Basis des Anbieters Le Boat befand. Zur kommenden Saison 2017 zieht diese Station um und wechselt in das ebenfalls schöne Hindeloopen. Wir vier Blogger haben uns in dieser Basis in Woudsend getroffen und beziehen dort nun an einem Samstagnachmittag unser Hausboot, unseren schwimmenden Wohnwagen für eine Woche.

die Wasserkarte lesen

Simone kennt sich aus und kann die Wasserkarte lesen. Sie zeigt uns die geplante Tour und erklärt uns die verschiedenen Angaben, die der Karte zu entnehmen sind. Elke lauscht aufmerksam den Erläuterungen.
© Foto: Meike Nordmeyer

Zunächst erhalten wir von Le Boat-Mitarbeiter Rink eine kurze Einführung. Da Roland und Simone bereits eine Tour mit einem entsprechenden Hausboot von Le Boat in Frankreich unternommen haben, sind sie gut informiert über die Systeme und Funktionen an Bord. Roland hat bereits Erfahrungen am Steuer gesammelt, so wird er unser Kapitän, und die Einweisung zu diesem Thema kann recht schnell gehen. Auch Simone kennt sich bereits gut aus, vor allem hat sie bestens gelernt, die erforderlichen Wasserkarten zu lesen, so wird sie unsere versierte Lotsin.

Elke und ich sind ahnungslose Anfängerinnen auf dem Hausboot und werden dort als Matrosen dienen. Ich bitte daher um eine kurze Einweisung zur Handhabung der Leinen. Es ist mir klar, dass das meine Aufgabe sein wird und vor der habe ich Respekt. Rink führt es uns vor und macht eine Leine von einem der Ringe ab, die an der Anlegestelle bei Le Boat gegeben sind, und bindet sie dann direkt wieder fachgerecht dran. Es empfiehlt sich, die Leine in einer Schlaufe durch den Ring zu führen und dann wieder am Boot festzumachen. Dann lässt sich die Leine beim Ablegen von Bord aus lösen. Das ist praktisch, so lernen wir von Rink. Ich mache es einmal nach, was Rink vorgemacht hat und was so einfach aussah. Aber Moment mal, mit welcher Hand greife ich jetzt wo, und wie führe ich die Schlaufe weiter? Ich bin verwirrt und lasse es mir nochmal zeigen. Nach dem zweiten Mal kann ich es dann nachmachen. Das ist ja schon mal etwas. Unterwegs werden wir dann feststellen, dass es noch einige andere Varianten gibt. Die Ringe sind nicht so häufig zu finden, meistens kommen die Leinen um Poller, die an der Hafenmauer stehen. Am kniffeligsten für Anfänger ist es, wenn ein Lasso vom Boot aus um einen im Wasser stehenden Poller geworfen werden muss. All das werden wir noch merken und mehr oder weniger unerschrocken lernen.

Wir richten uns jetzt erstmal auf dem Boot ein, verstauen das Gepäck und die reichlich vorab eingekauften Vorräte. Ich beziehe im Heck eine Zweier-Kabine mit einem kleinen Bad mit WC und Dusche. All das habe ich für mich allein. Das ist komfortabel. Elke bekommt daneben ebenfalls eine solche Zweier-Kabine mit Bad. Roland und Simone richten sich im Bug in einer Doppelkabine ein. Dort befindet sich auch das dritte Bad an Bord. Für uns vier Leute ist das Boot vom Typ Classique Star mit vier Kabinen und 3 Badezimmern sehr geräumig. Den offiziellen Angaben nach ist es für bis zu zehn Leute ausgelegt. Die vierte Kabine ist vor allem für Kinder gedacht und enthält zwei etwas kleinere Etagenbetten. Ingesamt dürfte das für zehn Leute wohl etwas eng werden an Bord. Realistischer kommt uns da eher eine Belegung für 6 oder 8 Leute vor.

Hausboot von innen

Ansichten aus dem Inneren des Hausbootes Typ Classique Star von Le Boat. Von Woudsend startet unsere Tour mit dem Hausboot in Friesland.
© Fotos: Meike Nordmeyer

Das oben stehende Bildermosaik gibt einen Eindruck vom Inneren des Hausbootes. Auf dem großen Foto ist meine Kabine zu sehen, vorne rechts am Eingang befindet sich die Tür zu dem eigenen Bad. Das darüber stehende Bild zeigt das seitliche Fenster in meiner Kabine mit dem Ausblick auf das Wasser, das gerade so schön in der Sonne glitzert. Die Sitz- und Essecke ist unten links abgebildet, sie ist bequem und geräumig. In der Küche ist genug Platz zum Kochen und Schnibbeln, und sie ist gut mit Geschirr und Kochutensilien ausgestattet. Auf dem kleinen Foto oben links ist der Steuerstand innen zu sehen. Doch die Empfehlung lautet, wegen der besseren Übersicht immer den Außensteuerstand zu nutzen, woran wir uns auch gehalten haben. Es ist ohnehin für alle Mitfahrer schöner, oben an Deck zu sitzen und den Rundum-Blick auf die Landschaft zu genießen.

Woudsend

Woudsend ist ein hübsches kleines Örtchen in Friesland. Dort haben wir unsere Tour mit dem Hausboot gestartet. © Foto: Meike Nordmeyer

Fahrräder haben wir für unsere Tour auch dabei, die hat uns Rink noch aufs Boot gebracht. Es empfiehlt sich sehr, Räder zum Hausboot in Friesland dazu zu buchen. Denn manchmal sind die Häfen oder auch die kleineren Anlegestellen etwas außerhalb gelegen. Dann bieten die Fahrräder die Möglichkeit, rasch in den Ort zu fahren, um zum Beispiel Brötchen fürs Frühstück zu holen. Auch eine kleine Fahrradtour zwischendurch einzulegen, macht Spaß und bietet eine angenehme Portion Bewegung. Nachdem wir uns eingerichtet haben, bekommen wir auch gleich Lust, uns auf die Räder zu schwingen. Wir beschließen, ins Zentrum von Woudsend zu radeln, den Ort anzuschauen und einen Willkommenstrunk zu nehmen. Am nächsten Morgen soll dann unsere Tour mit dem Hausboot in Friesland starten.

Bitterballen

Bier und Bitterballen – eine bewährte Kombination in Holland. © Foto: Meike Nordmeyer

Woundsend ist ein hübsches Örtchen mit zwei Windmühlen, kleinen Häuschen, mehreren Kirchen und einer Zugbrücke in der Ortsmitte, die an diesem  Samstagnachmittag unentwegt geöffnet und geschlossen wird. Denn es ist noch einmal warmes, sonniges Wetter an diesem letzten Wochenende im September. Da sind unzählige Segelboote und Hausboote auf den Kanälen unterwegs, und für die wird die Brücke immer wieder hochgezogen. Wir warten auf unseren Rädern, bis sich die Brücke schließt und die Straße wieder vollständig wird. Dann radeln wir hinüber in die Ortsmitte. In einer kleinen, ehemaligen Kirche ist eine Kneipe untergebracht mit einem Biergarten davor. Dort kehren wir ein, denn es ist die perfekte Zeit für einen Borrel. So heißt in Holland eine gesellige Snackzeit mit Aperitif am späten Nachmittag. Wir wählen das typische „Biertje met Bitterballen“, also ein Bier mit einer Portion von den kleinen, mit Fleischpaste gefüllten und fritierten Ballen. Ein vortrefflicher Auftakt für unsere Tour! Voller Vorfreude prosten wir uns zu.

Am nächsten Morgen heißt es dann endlich „Leinen los!“ Wir legen ab, lassen den  Ortskern von Woudsend links liegen, folgen dem Kanal Richtung Heeger Meer und von daaus wollen wir weiter bis nach Workum. Der Kanal ist voll, zahlreiche Gefährte tummeln sich an diesem Sonntag auf dem Wasser. Da hat Kapitän Roland einiges zu tun, um sicher an den Segelschiffen vorbei zu schippern. Wir haben es in der Einführung noch erklärt bekommen: Segelschiffe haben immer Vorfahrt. Die machen es einem dabei nicht immer leicht. Plötzlich legt ein Segler ein keckes Manöver in dem schmalen Kanal hin und kreuzt vor uns gegen den Wind. Knapp rauscht das weiße Segel vor unserem Bug vorbei. Ein Schreckmoment. Doch unser Skipper bleibt ruhig wie ein alter Seebär. Er drosselt den Motor, weicht aus, dreht ab, setzt zurück, was gerade geht und gebraucht wird, bis der Schwung Segelboote an uns vorbei gezogen ist. Dann geht es wieder entspannt weiter.

Und so tuckern wir fröhlich dahin mit einem Tempo von etwa 6 bis 8 Kilometern die Stunde. Die Langsamkeit gehört zur Tour dazu. Sie ist quasi als Erholungswert mitgebucht. Der weite Himmel breitet ein unfassbar kräftiges Blau über uns aus. Die sattgrünen Wiesen leuchten und scheinen zu schmatzen. Kühe verteilen sich darauf und kauen und schauen. Wir ziehen vorbei an Windmühlen, Windrädern und kleinen Dörfern. Das Boot schaukelt, die Sonne scheint, der Wind weht und kräuselt das Wasser. Es ist ein wunderbarer Zustand, der glücklich macht. Möge es ewig so weitergehen.

unterwegs mit dem Hausboot

Weiter Himmel, große Segel, Blick voraus – mit dem Hausboot in Friesland unterwegs. © Foto: Meike Nordmeyer

Mit dem Hausboot in Friesland unterwegs

Die Wasserwege führen mitten durch beschauliche kleine Dörfer.
© Foto: Meike Nordmeyer

Ich sitze gemütlich auf Deck und schaue einfach nur. Mein Blick streift über die weiten Wiesen und Felder. Irgendwo in der Ferne ziehen plötzlich weiße Segel herüber, über die Wiese scheinen sie zu gleiten. Natürlich ist dort ein Kanal, doch der liegt etwas tiefer und ist beim Blick über das Grün der Landschaft nicht zu sehen. Segel auf der Wiese – ein verblüffendes Bild, das mir als typisch für Friesland in Erinnerung bleibt.

Mit dem Hausboot über die Autobahn

Mit dem Hausboot über die Autobahn fahren, das ist in Friesland ganz selbstverständlich.
© Foto: Meike Nordmeyer

Besonders lustig ist es auch, mit dem Hausboot über große Straßen hinwegzufahren. Denn in Holland kommt es öfters vor, dass die Kanäle einfach mittels eines Aquädukts über die Autobahn oder Schnellstraße geführt werden. Schon bei der Anreise mit dem Auto hat es mich beeindruckt, als ich mit meinem Wagen unter den Segelbooten herfuhr. Jetzt tuckern wir also selbst mit unserem Hausboot über die Straße. Simone, die als Lotse neben dem Kapitän sitzt, hat die Überquerung frühzeitig auf der Karte gesehen und mir Bescheid gegeben. Denn ich hatte bereits davon erzählt, dass ich die Vorstellung faszinierend finde.

Auf dem Heeger Meer - mit dem Hausboot in Friesland

Auf dem Heeger Meer – wie geht es weiter? Müssen wir vor dieser Insel abbiegen oder erst danach? Wie gut, dass Lotse Simone genau aufpasst.
© Foto: Meike Nordmeyer

Simone übernimmt als Lotse eine wichtige Aufgabe. Mit ihr an der Seite kann sich der Kapitän voll und ganz auf die Steuerung konzentrieren. Simone hält unterdessen die Karte im Blick, checkt unsere Position und schaut immer wieder nach, wo wir abbiegen müssen, wenn wir zum Beispiel das Heeger Meer überqueren und von daaus in einen bestimmten Kanal einbiegen wollen. Schließlich gibt es mehrere Wasserwege, die von dem See aus weiterführen. Friesland ist von einem Netz an Kanälen überzogen. Da kommt es darauf an, genau zu schauen, wo es abzubiegen gilt. Vor der kleinen Insel oder doch danach? Simone schaut wieder auf die Karte, orientiert sich an den nummerierten Bojen und macht eine klare Ansage.

Wichtig ist auch, die zahlreichen Brücken, die auf dem Weg liegen, frühzeitig auf der Karte im Blick zu haben. Die erste Frage lautet dabei: Sind die Brücken hoch genug, damit das Boot darunter herfahren kann? Das ist an den schmalen Kanälen, in den kleinen Orten häufig nicht der Fall. Doch meistens können sich die Brücken ja öffnen. Dann ist also die nächste Frage, wie sie das jeweils tun. In der Wasserkarte sind entsprechende Angaben dazu vermerkt. Es lässt sich nicht nur die Durchfahrthöhe der Brücken ablesen, sondern auch, ob sie automatisch geöffnet werden. Die automatischen Exemplare sind unproblematisch, man muss sie meistens nur langsam ansteuern, dann schalten sie in der Regel bald auf Grün, öffnen sich und man kann hindurchfahren. Es sei denn, es handelt sich um eine größere, vielbefahrene Straße oder eine Bahnstrecke, die über die Brücke führt. Dann muss das Boot auch schon mal eine Weile warten, bis es weitergeht. Bei den Brücken, die durch einen Wärter bedient werden, können für die Bootsfahrer mitunter längere Zwangspausen entstehen, denn die Wärter machen ausgiebig Mittagspause. Eine gute Planung der Tour für die rechtzeitige Durchfahrt ist daher hilfreich. Doch es läuft ja nicht immer alles nach Plan. Da kann man auch schon mal zu spät kommen und die Mittagszeit erwischen. Dann heißt es ebenfalls pausieren. Die Langsamkeit gehört zu einer Tour mit dem Hausboot einfach dazu.

Wir steuern gerade eine Brücke an, über die noch einige Autos rollen. Die Signallampen für uns stehen auf Rot, es sieht nach längerem Warten aus. Damit unser Boot nicht abdriftet bei windigem Wetter, ist es wohl besser, es festzumachen. Für solche Fälle sind extra Poller seitlich vor der Brücke im Wasser positioniert. Also wieder ein Einsatz für die Matrosen. Ich springe auf und laufte rasch zu einer der Leinen. Da die Poller im Wasser stehen, heißt es nun für mich, ein Lasso darum zu werfen. Das ist nicht so einfach und will beim ersten und zweiten Versuch nicht funktionieren. Das Boot treibt schon etwas ab, Kapitän Roland ruft von oben: „Das muss jetzt klappen.“ Da hat er ja recht. Also ein nächster Wurf, und dann treffe ich. Die Leine legt sich endlich um dem Poller herum, ich kann sie anziehen und am Boot festmachen. Alles wird gut.

Matrose Meike

Matrose Meike fröhlich im Einsatz, die Leine fest im Griff. © Foto: Elke Weiler

Meistens fügt es sich dann doch recht gut, denke ich noch. Doch am Abend erleben wir das mit dem Ach und Krach, das ich anfangs bereits andeutete. Denn da ist der Wind so richtig gegen uns. Wir wollen an einem Naturanleger festmachen und dort die Nacht verbringen, irgendwo an einem kleinen See vor den Toren von Workum. Es handelt sich um eine von den freien Anlegestellen, die von der Vereinigung Marrekrite in Friesland angeboten und betreut werden. Wir haben vorher der Karte entnommen, dass es davon auch welche an diesem kleinen See gibt. Also tuckern wir hin, suchen uns dort eine aus und steuern den Holzsteg an.

Am Heck ist das Boot schon ganz nah dran. Kapitän Roland ruft „hinten festmachen“, Matrose Elke steht bereit, springt mit der Leine in der Hand auf den Steg und bindet diese um den Poller. Vorne will der Kapitän nun noch rasch mithilfe des Bugstrahlruders an den Steg ranfahren. Ein guter Plan, keine große Sache eigentlich. Doch dann kommt der Wind, der offenbar Lust hat, uns zu ärgern. Er schickt plötzlich eine Salve von heftigen Böen und drückt das Boot wieder weg vom Anleger. Der Motor kämpft gegen den Wind an, doch es ist nichts zu machen. Die bereits fest vertäute Leine spannt sich und quietscht immer lauter, der Steg knarzt bedenklich unter Elkes Füßen. Da gibt es plötzlich einen lauten Knall. Die Leine reißt und das Boot schaukelt zur Seite weg. Elke bleibt erschrocken auf dem Steg zurück. Der Kapitän lässt das Boot nun erstmal ein Stück in den See hineintreiben, gibt dem Wind seinen Willen. Doch dieser scheint die Lust an seinem bösen Spiel daraufhin zu verlieren. In einem zweiten Anlauf können wir ohne Widerstand anlegen.

Am Naturanleger

Nach aufregendem Anlegemanöver liegt das Hausboot ruhig an dem idyllischen Naturanleger. © Foto: Meike Nordmeyer

Nun haben wir es also geschafft. Wir müssen Elke doch nicht ihrem Schicksal auf dem einsamen Steg überlassen. Erstmal tief durchatmen. Gemeinsam stehen wir nun auf den Holzplanken, schütteln immer noch den Kopf und begutachten die zersprengte Leine. Doch dann blicken wir auf und freuen uns über die schöne Anlegestelle mitten in der Natur. Hinter dem Schilf liegt ein Feld, in der Ferne ist nur ein Bauernhof zu sehen. Die Wolken hängen tief, der Himmel sieht dramatisch aus, einige Regentropfen schickt er hinunter, doch dann kommt auch noch etwas von der Abendsonne hindurch, die für ein goldenes Licht sorgt, und wie als Nervenbalsam erscheint ein Regenbogen vor uns. Das wirkt beruhigend. Wir stehen mittlerweile alle an Deck und bewundern das Naturschauspiel.

Erst jetzt fällt uns auf, dass auf der Mitte des kleinen Sees einige dürre, im Kreis angeordnete Holzpfähle aus dem Wasser ragen. Was ist das für ein Gebilde? Was mag das sein, so überlegen wir. Simone hat kaum ein Bild davon auf Twitter gepostet, da kommt dort auch schon eine Antwort. „Das ist eine Lachszucht“, meint jemand. Dafür kommt es uns jedoch zu klein vor. Doch dann fällt uns die Lösung ein: Es ist eine Bitterballen-Zucht. Wir sind uns ganz sicher. Denn irgendwo müssen die vielen Snacks ja herkommen, die überall in den Kneipen verzehrt werden. Wir sind sehr zufrieden mit dieser These, und sie wird auf der Tour präsent bleiben. Wissend nicken wir uns in den nächsten Tagen zu, als wir wieder an solchen Holzstöcken im Wasser vorbeiziehen. Unsere Fantasie zeigt aber auch, dass wir hungrig sind. Ich bin an diesen Abend der Smutje und gehe unter Deck an meinen Arbeitsplatz. Nudeln soll es heute heute geben, dazu eine Soße mit Speck, Zucchini und Tomaten, die ich nun rasch für uns zubereite.

Sneeker Wassertor

Ein Schmuckstück: Das Sneeker Wassertor aus dem 17. Jahrhundert.
© Foto: Meike Nordmeyer

Nach dem Essen sitzen wir noch lange wohlig müde beim Rotwein zusammen und lachen über unser Erlebnis am ächzenden Steg. Dann schmieden wir Pläne für den nächsten Tag. Wir wollen nach Sneek fahren. Vorher führt der Weg durch IJlst und direkt dahinter an einer alten Windmühle mit Holzsägewerk vorbei. Es gibt noch so viel zu entdecken in Friesland!

Gegen Nachmittag legen wir dann in der Marina in Sneek an. Dort können wir das Boot wieder mit Strom und Frischwasser versorgen. Von der Marina ist es nicht weit bis zum Zentrum, und so bummeln wir zu Fuß los und erkunden den Ort. Natürlich nehmen wir dort auch wieder einen Borrel, denn auf ein Bierchen mit frischgeernteten Bitterballen haben wir große Lust.

Am nächsten Morgen geht es weiter in den kleinen Ort Grou und von daaus führt die Tour in den Nationalpark De Alde Feanen. Als wir dort am vierten Tag unserer Tour so ganz geschmeidig anlegen, kommt es mir vor, als seien wir schon ewig unterwegs auf diesen kleinen Kanälen und Seen, in diesem Kosmos aus Wasserstraßen und friesischen Örtchen und in unserem gemütlichen Heim auf dem Wasser, das einen nachts sanft in den Schlaf wiegt, während der Wind durch das Schilf streift. So eine Woche auf dem Hausboot in Friesland ist unvergesslich und macht Lust auf mehr von dieser sanft schaukelnden Langsamkeit.

Wind-Sägemühle

Die Tour mit dem Hausboot in Friesland führt auch an der Holzsägemühle De Rat in IJlst vorbei. © Foto: Meike Nordmeyer

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Zu der Tour mit dem Hausboot durch Friesland bin ich von Le Boat und vom Niederländischen Büro für Tourismus & Convention (NBTC) eingeladen worden.

Wer eine Reise mit einem Hausboot von Le Boat unternehmen möchte, braucht dafür keinen Führerschein. Vor dem Start gibt es in der jeweiligen Basis von Le Boat eine Einweisung. Weitere Informationen, Angebote und Buchungsmöglichkeiten finden sich auf der Webseite von Le Boat.

Vielen Dank auch an Elke, Simone und Roland – wir sind eine tolle Crew zusammen!

Zu der Tour habe ich noch einen weiteren Artikel geschrieben:
Vom Rhythmus der Teebeutel in Joure

Die Artikel der Bloggerkollegen könnt ihr hier lesen:
Elke vom Meerblog schreibt:
Von Kühen, Kojen, Kurven
Das Leben ein Schaukeln

Simone von Nach-Holland schreibt:
Abenteuer Hausboot-Tour in Friesland
Hausboot Friesland – Fakten und praktische Tipps

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Zum Weiterlesen

Meike Nordmeyer

Über Meike Nordmeyer

Hier bloggt Meike Nordmeyer, freie Journalistin aus Wuppertal. Auf ihrem Reiseblog meikemeilen schreibt sie über ihre Reisen rund um die Welt, und ihre liebsten Themen sind dabei Kultur und Genuss.
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15 Antworten auf Mit dem Hausboot in Friesland unterwegs

  1. Doris sagt:

    Liebe Meike,
    da habt ihr fast so ein abenteuerliches Anlegemanöver wie wir erlebt – in unserem Fall wars kein gerissenes Tau, bei uns knallte ein zementierter Böller mit lautem Knall vorne aufs Hausboot … gut, dass da keiner stand!!!!!
    Liebe Grüße von Doris

    • meikemeilen meikemeilen sagt:

      Hallo Doris,
      na, das war ja ein aufregendes Erlebnis bei eurer Tour! Ja, mit dem Hausboot fahren ist immer auch ein kleines Abenteuer. Aber dazu gibt es auch so viel Entspannung und Naturerlebnis – das ist einfach eine tolle Mischung.
      Viele Grüße, Meike

  2. Sabine Nagl sagt:

    Hallo Meike,
    Friesland wie es so ist, wenn man auf dem Wasser unterwegs ist. Es wirkt ja alles so einfach – aber gerade Anlegemanöver… Ein ständiger Quell für Aufreger, Ehestreits und Blamagen aber auch großer Auftritt für die Profis. Deshalb ist der beste Platz am späten Nachmittag in einer x-beliebigen Marina mit Blick auf die knapper werdenden Liegeplätze bei einer Tasse „Douwe Egberts“ und warmen Appelgeback. Das Programm: von Drama bis Krimi. :-)
    Liebe Grüße von Sabine

    • meikemeilen meikemeilen sagt:

      Haha, das ist eine schöne Idee, die Anlegemanöver gemütlich von einem Café aus zu beobachten. Als wir an unserem Naturanleger Stress mit dem Wind hatten, gab es zum Glück kein Publikum. ;-)
      Viele Grüße, Meike

  3. vielweib sagt:

    Mit dem Hausboot über die Autobahn? Hammer! Überhaupt tolle Bilder und so schöne Reisegeschichte. Leider musste ich 2015 meine Hausboottour in Ostdeutschland ja absagen, aber irgendwann hole ich das nach. Traumhaft! Danke für Deine Reiseberichte. Da will man gleich nach NL aufbrechen!

    • meikemeilen meikemeilen sagt:

      Ich drücke die Daumen, dass Du bald eine Tour mit einem Hausboot unternehmen kannst! In NL ist das auf jeden Fall wunderschön. In Ostdeutschland möchte ich das auch gerne mal machen. Ich hoffe, dass ich bald mal wieder als Hausboot-Matrose anheuern kann. Ich bringe ja jetzt sogar handfeste Erfahrung mit. ;-)

  4. Andrea sagt:

    Das klingt alles sooo schön – ich möchte jetzt bitte auch sofort mit einem Hausboot durch Friesland fahren. Bei sommerlichen Temperaturen versteht sich. Hach!

  5. Brigitte sagt:

    Eine sehr lesenswerte Geschichte und ich habe mich oft wiedergefunden – wir haben in diesem Jahr auch eine Hausboot Tour unternommen. Allerdings in Belgien. Schau gerne mal vorbei: http://reiseblog-kurzurlaub.de/hausboot-belgien-leboat.html
    Liebe Grüße, Brigitte

  6. Corinna sagt:

    Liebe Meike,
    ich fand es ja schon toll als du davon erzählt hast, aber nach dem Bericht und den Fotos bin ich total begeistert davon.
    Freu mich auf weitere Berichte.

  7. Tina sagt:

    So ein toller Bericht!!!
    Wir überlegen ja das ganze Jahr über schon, ob wir uns das nächstes Jahr mit unseren Kindern (dann 4 und 6) wagen sollen. Mein Mann hat den Segelschein und kennt sich mit der Thematik immerhin etwas aus.
    Allerdings weiß ich nicht, ob die Zwerge nicht doch noch zu klein sind.
    LG, Tina

    • meikemeilen meikemeilen sagt:

      Hallo Tina,
      mit einem Segelschein seid ihr ja sehr versiert für die Tour! Den Kindern macht so ein Hausboot-Urlaub bestimmt auch großen Spaß. Doch bei so kleinen Kindern könnte es vielleicht für die Eltern auch etwas anstrengend werden, ständig aufzupassen, dass die Zwerge nicht ins Wasser plumpsen. Aber ich habe auch kleiner Kinder auf Hausbooten und Segelschiffen gesehen. Die trugen dann Schwimmwesten. Für die Holländer ist das offenbar ganz selbstverständlich, die Kleinen mitzunehmen.
      Viele Grüße, Meike

  8. Britta sagt:

    Liebe Meike,
    das liest sich ganz toll. So eine Bootsfahrt macht einen sehr relaxten Eindruck. Schöne, stimmungsvolle Fotos. Kommt auf meine To-Travel-Liste. LG, Britta

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