Mit Zarathustra im Engadin

Empfang mit Zarathustra

Eine Ausgabe von „Also sprach Zarathustra“ des Philosophen Friedrich Nietzsche liegt in den Zimmern des Nira Alpina. Und das aus gutem Grund.
© Foto: Meike Nordmeyer

Nietzsche wartet schon auf mich. Als ich mein Zimmer im Hotel Nira Alpina in Silvaplana-Surlej betrete, steht dort auf dem Couchtisch aus dunkelbraunem Metall eine Schale mit drei leuchtend roten Äpfeln bereit, und da liegt auch dieses eine Buch: Also sprach Zarathustra von Friedrich Nietzsche. Ein sehr gelungener Empfang für ein Hotel im Engadin, jenem Hochtal in Graubünden, das der Philosoph Nietzsche so liebte.

Die große Fensterfront in meiner Juniorsuite bietet einen hervorragenden Ausblick auf die Landschaft. Das Design-Hotel liegt am Hang von Surlej, gegenüber vom Hauptort Silvaplana. Im Tal ist ein Teil des blaugrünen Champfèrersees zu sehen, genau an der engen Stelle, an der er in den Silvaplanersee übergeht. Hinter dem Ort erheben sich die Berge, die von sattgrün bewachsen zu felsig braun bis zu den mit Schnee überzogenen Gipfeln übergehen. Ein weißes, dünnes Wolkenband zieht sich auf der Höhe des bewaldeten Felsens entlang. Knapp unterhalb ist die Auffahrt zum Julierpass zu erkennen. Im Nieselregen bin ich am Bahnhof in St. Moritz angekommen. Doch jetzt kommt am frühen Abend noch die Sonne heraus, die ich einen Moment lang auf dem großen Balkon genieße.

Blick vom Balkon

Endlich im Engadin – der Blick vom Balkon meines Zimmers im Hotel Nira Alpina.
© Foto: Meike Nordmeyer

Ich blinzele in die tiefstehende Sonne, die das Tal in ein kräftiges goldenes Licht taucht, und ich sauge die klare Bergluft ein. Nun bin ich endlich im Engadin. Meine Vorstellung von dieser Landschaft habe ich immer schon mit Nietzsche verbunden. Viele Sommer hat der kränkelnde Philosoph hier ganz in der Nähe, in Sils Maria, verbracht und sich von dem Alpenklima eine Milderung seiner Leiden und von der schönen Landschaft eine kräftige Portion Inspiration versprochen. Das mit der Inspiration hat jedenfalls geklappt. Hier arbeitete Nietzsche einige seiner wichtigsten Werke aus, vor allem auch Jenseits von Gut und Böse und den zweiten Teil von Also sprach Zarathustra. Dessen tragenden Gedanken von der Ewigen Wiederkehr des Gleichen verdankte er einer Inspiration am Ufer des Silvaplanersees, wie er es selber beschrieben hat. In Sils Maria ist das Haus zu besichtigen, in dem der Philosoph im Sommer 1881 und dann in den Sommermonaten der Jahre 1883 bis 1888 in einem kleinen Zimmer wohnte. Hier ist gut leben, schrieb er in einem Brief, in dieser starken hellen Luft, hier, wo die Natur auf wunderliche Weise zugleich mild, feierlich und geheimnisvoll ist – im Grunde gefällt mir’s nirgendswo so gut als in Sils Maria. Schon während meines Philosophie-Studiums hatte ich immer vor, an diesen Ort zu reisen. Irgendwie hat es sich nie ergeben. Nun aber ist es endlich soweit. Ein Ausflug nach Sils Maria und zum Nietzsche-Haus steht auf dem Programm dieser Reise.

Ich gehe zurück ins Zimmer, blättere in der gebundenen Ausgabe des Zarathustras, die auf dem Couchtisch liegt. Das feste, fast raue Papier riecht noch ein wenig nach Druckerschwärze und Holz. Ganz anders als die wissenschaftliche Ausgabe im sogenannten Dünndruck und damit auf hauchdünnem, leicht knisterndem Papier im Deutschen Taschenbuchverlag, die ich in meinem Rucksack habe. In ihr habe ich schon im Zug von Zürich nach St. Moritz geblättert. Beim Anblick der vielen Bleistiftnotizen und Unterstreichungen habe ich mich wieder in der Uni Wuppertal im Seminarraum sitzen sehen.

Doch genug den Erinnerungen nachgehangen – nun wühle ich schnell meinen Badeanzug aus dem Koffer, schlüpfe in den Bademantel und die Schlappen, die im Zimmer bereitliegen, denn jetzt steht erstmal Wellness auf dem Programm. Nach einer Massage und einem kurzen Aufenthalt im Eukalyptus-Dampfbad entspanne ich im großzügigen Whirlpool, der vier Stationen mit verschiedenen Massagedüsen bietet. Ich dämmere auf einem der Liegeplätze vor mich hin. Weh spricht: Vergeh! Doch alle Lust will Ewigkeit, will tiefe tiefe Ewigkeit, so blubbert ein zentrales Textstück aus dem Zarathustra in mir hoch und nein, ach, ich will gar nicht herauskommen aus dem Pool.

Die Panorama-Bar im Nira Alpina

Ein guter Platz, um Cocktails zu genießen – die Panorama-Bar im Nira Alpina.
© Foto: Meike Nordmeyer

Doch bis zum Abendessen ist es auch nicht mehr lang. Also schnell ins Zimmer und umziehen. Wohlig entspannt treffe ich die anderen Mitglieder aus unserer kleinen Reisegruppe kurz darauf auf einen Cocktail in der Panorama-Bar – und auch hier beeindruckt der Blick auf die Berge, den die breite Fensterfront bietet. Wohltuend ist die offene, von klaren Linien geprägte Architektur des Hotels. Hier geht es vor allem um den Blick auf die Landschaft. Eine klare Formsprache bestimmt auch die Einrichtung, dennoch herrscht eine stimmungsvolle, warme Atmosphäre in der Bar mit den Ledersesseln in verschiedenenen Brauntönen und den massiven Holztischen. Auffällige Details setzen im ganzen Haus immer wieder Akzente. Da findet sich ein großer goldener Hirsch-Kopf aus Wachs, der markant auf einem schwarzen Flügel platziert ist oder eine übergroße Kirsche als Deko-Element. Ein Pferd mit Lampenschirm auf dem Kopf begrüßt die Gäste im Eingangsbereich. Doch diese erfrischend verspielten Elemente sind wohldosiert und bleiben dadurch zurückhaltend. Wer die Freude am Schönen genießen will, der ist hier im Hotel genau richtig. Ob nach Wanderungen und Besichtigungen, Fahrradtouren oder den winterlichen Aktivitäten auf den Skipisten – das Nira Alpina ist ein Ort zum Entspannen. Hier kann der Gast zur Ruhe kommen und den erfüllten Tag in der Natur nachklingen lassen.

Im Restaurant hat Chefkoch Marek Wildenhain ein Fondue Chinoise mit hauchdünn geschnittenem Fleisch von Rind, Kalb und Huhn sowie fünf verschiedenen würzigen Dips für uns vorbereitet. Doch das beeindruckendste ist das Dessert. Wildenhain serviert eine Girolle, also die für den Tête de Moine vorgesehene Rundhobelvorrichtung, die statt mit dem schweizer Käse mit einer Komposition aus Schokolade bestückt ist. Fasziniert hobel ich mir fein gekräuselte Schoko-Rosetten und lasse sie auf der Zunge zergehen. Zum Dahinschmelzen.

Der Ausblick vom Bett aus

Beglückend – aufwachen und das Alpenpanorama vom Bett aus sehen. Ein besonderes Erlebnis im Nira Alpina.
© Foto: Meike Nordmeyer

Als ich spät am Abend zurück ins Zimmer komme, trete ich noch einmal hinaus auf den Balkon. Ich genieße die Ruhe, die über der Landschaft liegt, atme die klare Luft und schaue in den schwarzen Nachthimmel. Und da spricht wieder Zarathustra in mir: Still! Still! Ward die Welt nicht eben vollkommen? Ich halte die Luft an und lausche. Da flüstert es weiter: Wie ein zierlicher Wind, ungesehen, auf getäfeltem Meere tanzt, leicht, federleicht: so – tanzt der Schlaf auf mir. Müde von der Anreise und von der ungewohnten Bergluft zieht es mich ins Bett und schnell schlafe ich ein.

Die Vorhänge aus festem beigefarbenen Stoff lasse ich etwas offen, damit ich am Morgen direkt den Ausblick genießen kann. Von der Helligkeit im Zimmer werde ich in aller Frühe wach und kann vom Bett aus die Berge sehen. Die Sonne lugt noch nicht hinter ihnen hervor, aber es kann nicht mehr lange dauern, sie beleuchtet schon die Wolken von unten und lässt sie gelb und orangerot schimmern. Es ist erst 5.20 Uhr. Niemals würde ich mich sonst um diese Uhrzeit einfach so aus dem Bett schwingen. Doch hier geschieht’s. Ich stehe auf, ziehe die Vorhänge ganz beiseite, kuschele mich wieder in die Bettdecke, bewundere das Panorama, das sanfte Morgenlicht mit seinem Farbspiel und schlafe nochmal ein, bis der Wecker mich um kurz nach 7 Uhr weckt.

Zwerg im Rosegtal im Engadin

Im Rosegtal sitzt ein Zwerg auf einem Baumstumpf und ist ganz in seine Lektüre vertieft. Was er wohl liest?
© Foto: Meike Nordmeyer

Für den Vormittag steht eine Kutschfahrt auf dem Programm. Vom nahegelegenen Pontresina aus lassen wir uns von zwei kräftigen Rossen gemütlich ins Rosegtal bringen. Die Pferde traben, ihre Hufe klappern gleichmäßig, die Kutsche knarzt und schaukelt ein wenig. Das türkisblaue Wasser eines Gebirgsbachs plätschert nebem dem Weg und über uns spannt sich ein strahlend blauer Himmel. Es ist noch kühl an diesem Vormittag im Juli. Ich ziehe den Reißverschluss meiner Sommerjacke zu. Wir fahren raus zum Hotel Restaurant Roseg Gletscher, dort gibt es erstmal eine Kaffeepause.

Ich genieße meinen Cappuccino auf der großen Terrasse und blicke in das breite, grüne Tal, in dem keine weiteren Häuser mehr zu sehen sind und das hinten mit dem Blick auf verschneite Gipfel und Gletscher abschließt. Neben der Terrasse ist ein hoher Baumstumpf stehen geblieben. Darauf trohnt ein Zwerg mit roter Zipfelmütze, der ein Buch in den Händen hält. Ich stelle mir vor, dass er in einer Zarathustra-Ausgabe liest. Ob er schon die Textstelle entdeckt hat, in der er als Geist der Schwere bezeichnet wird? Doch Zarathustra schüttelt ihn ab. Zwerg! Du! Oder ich!, ruft er aus und steigt weiter hinauf in seine Höhen. Hier sitzt der Zwerg nun ganz friedlich in sein Buch vertieft. Gestärkt vom Kaffee macht sich unsere kleine Gruppe zu Fuß auf den Rückweg. Ein bequemer Wanderweg führt in einer guten Stunde leicht erhöht oberhalb des Gebirgsbachs zurück. Am hellen Mittag kehren wir nach Pontresina zurück.

Blick über den Silvaplanersee

Der Blick über den Silvaplanersee Richtung Sils Maria.
© Foto: Meike Nordmeyer

Mit der sanften Mobilität geht es auch am nächsten Vormittag weiter. Denn dann ziehen wir mit E-Bikes los in Richtung Sils Maria zur Besichtigung des Nietzsches-Hauses. Die Pedelecs können im direkt unterhalb vom Hotel befindlichen Sportladen gemietet werden. Das ist praktisch. Nur wenige Meter rollen wir von daaus den Berg hinunter, biegen nach links ab und sind direkt am Silvaplanersee. Der Kies knirscht unter den Rädern, die Wiese vor dem Ufer steht voller bunter Blumen, das Wasser leuchtet in Stahlblau, ein Angler steht regungslos am Ufer. Das Radeln mit der sanften Unterstützung des Motors sorgt für genügend Muße, die Landschaft während der knapp einstündigen Fahrt zu genießen.

Das Nietzsche-Haus in Sils-Maria

Das Nietzsche-Haus in Sils Maria. Dort wohnte der Philosoph mehrere Sommer lang in einem kleinen Zimmer. © Foto: Meike Nordmeyer

Wie erwartet ist es ein kleines unscheinbares Gebäude, das Nietzsche-Haus. Im zarten Gelbton gestrichen steht es leicht zurückgesetzt auf einer Wiesenfläche. Mitarbeiterin Mirella Carbone empfängt uns dort und führt uns in einen kleinen mit hellem Holz ausgekleideten Raum mit Vitrinen ringsum an den Wänden. Der Boden knarzt beim Eintreten, wir nehmen auf Hockern platz und die Italienerin beginnt begeistert von dem Philosophen und seiner Zeit im Engadin zu erzählen. Erst ganz zum Schluss führt sie uns in das winzig kleine Zimmer im 1. Stock, in dem Nietzsche als Untermieter wohnte. Dunkel ist es dort, die Decke drückend niedrig. Der Raum ist karg eingerichtet: Bett, Nachttisch, Tisch, Stuhl, kleines Sofa, Waschtisch. Es sind nicht die Originalmöbel aus Nietzsches Zeit – aber so in der Art muss die Ausstattung ausgesehen haben.

Hier also hat er gewohnt, derjenige, der das gesamte Denken vor ihm und vor allem Gott und das Jenseits so leidenschaftlich in Frage stellte und die Umwertung der Werte forderte. Man kann es kaum glauben, wie sich in dem kleinen Raum dieses freie, kühne Denken entfalten konnte. Doch das fand wohl auch im Wesentlich nicht hier, sondern draußen während der Wanderungen statt. In der Bewegung entfaltete sich das Denken. Brüder, bleibt der Erde treu, ließ Nietzsche seinen Zarathustra ausrufen, und das gerade angesichts der Schönheit dieser Landschaft. Nietzsche bog die Auffassung von der Zeit als eine lange Linie und die christlich geprägte Vorstellung der Ewigkeit, die erst im Jenseits nach dem Tod beginne, energisch ins Diesseits zurück. Er formte Zeit und Ewigkeit zu einem Kreislauf auf dieser Erde und beschrieb dies als die Ewige Wiederkehr des Gleichen. Diese bedeutet auch: Wer so lebt, dass er sagen mag Wohlan, noch einmal, der bejaht das Leben, der will die Ewigkeit schon jetzt und hier. Denn alle Lust will Ewigkeit, will tiefe tiefe Ewigkeit… Doch was höre ich da für eine Stimme aus der unteren Etage rufen: „Meike kommst du? Wir wollen weiter.“ Achja. Ich stand wohl etwas länger in dem kleinen, dunklen Zimmer und sinnierte. Nun also wieder hinaus in die Sonne, in diese magische Landschaft. Wie gut, dass ich noch für eine Übernachtung bleiben darf. Noch einmal darf ich im Nira Alpina mit dem Blick auf die Berge aufwachen. Den werde ich nicht vergessen. Und ja, ich will ihn immer wieder.

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Zum Dessert im Nira Alpina habe ich einen eigenen Blogbeitrag geschrieben:
Schokorosetten im Engadin

Weitere Informationen zum Nietzsche-Haus

Zu der Reise nach Silvaplana-Surlej mit den Ausflügen ins Rosegtal und nach Sils Maria haben Tourismus Engadin St. Moritz sowie das Hotel Nira Alpina eingeladen. Vielen Dank dafür.

 

Zum Weiterlesen

Meike Nordmeyer

Über Meike Nordmeyer

Hier bloggt Meike Nordmeyer, freie Journalistin aus Wuppertal. Auf ihrem Reiseblog meikemeilen schreibt sie über ihre Reisen rund um die Welt, und ihre liebsten Themen sind dabei Kultur und Genuss.
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2 Antworten auf Mit Zarathustra im Engadin

  1. Liebe Meike
    Welch toller Artikel über die Verschmelzung von Nietzsche und dem wunderbaren Engadin. Umso schöner, dass das Nira Alpina seinen Platz darin gefunden hat. Vielen Dank für die wahren Worte und hübschen Bilder!
    Alles Liebe vom Nira Alpina Team!

  2. Claudia Dressler sagt:

    Liebe Meike,
    sobald der erste Schnee fällt, fahre ich wieder ins Engadin und genieße den Blick auf die Bergwelt wie Du! Vielen dank für Deinen Bericht, der die Tage wieder in Erinnerung ruft, als wäre es gestern gewesen.
    Liebe Grüße
    Claudia

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