Geheimtipp fürs Bergische Land: Ausflug zur Neyetalsperre

Blick auf die Neyetalsperre
Es ist meine Lieblingsbank an der Neyetalsperre im Bergischen Land: Sie bietet einen faszinierenden Blick auf die freie, weite Wasserfläche. © Foto: Meike Nordmeyer

Das Wasser glitzert, am Ufer plätschert es ein wenig und die Bäume rauschen leicht im Wind. Ansonsten ist es still an der Neyetalsperre im Bergischen Land. Es ist wunderbar. Genau das, was ich gesucht habe. Ich sitze auf einer Bank, trinke Kaffee aus meiner Thermoskanne und genieße den Blick aufs Wasser und die betörende Ruhe. Ich schaue auf das dichte Grün der Bäume auf der gegenüberliegenden Seeseite. Das Ufer ist komplett unbebaut. So könnte es auch in Kanada aussehen oder in Norwegen, denke ich. Die Wasserfläche ist ganz frei, völlig unberührt. Anders als an der nahegelegenen, deutlich größeren und als Ausflugsziel viel bekannteren Bevertalsperre ist hier das Baden und Schwimmen sowie jeglicher Wassersport verboten. Denn die Neyetalsperre dient als Trinkwasserreserve im Bergischen Land. Und seit 2013 steht sie und ein Teil des Einzugsgebietes unter Naturschutz.

Meine erste Tour zur Neyetalsperre im Norden von Wipperfürth im Oberbergischen Kreis unternehme ich im Mai. Ich habe zehn Tage Urlaub, doch verreisen kann ich nicht. Denn wegen der Corona-Krise herrscht gerade eine weitreichende Reisebeschränkung. Meine geplante Reise ins Ausland ist abgesagt. Doch zum Glück haben wir in Deutschland keinen echten Lockdown, sondern können nach Belieben rausgehen und Ausflüge in die nahe Umgebung unternehmen. Was also tun von meiner Heimatstadt Wuppertal aus? Auf einmal fangen alle an, sich viel mehr mit der Region und ihrer Landschaft zu beschäftigen, und da hat das Bergische Land viel zu bieten. Ein Kollege hatte kurz vor mir Urlaub, und als Ersatzprogramm für die auch bei ihm abgesagte Reise hat er sich auf die Talsperren im Bergischen Land konzentriert. Das ist gut für mich, so frage ich ihn nach seinen Erlebnissen und einer Empfehlung. Er überlegt nicht lange: „Fahr zur Neyetalsperre, da ist es besonders schön“, sagt er und nennt mir auch gleich den nahegelegenen Wanderparkplatz Großblumberg. „Von da aus gehst du runter zur Staumauer und dann immer um den See herum, du kannst dich nicht verlaufen.“ Das klingt gut, schön und unkompliziert.

Wanderkarte mit Neyetalsperre und Schmetterling
Zu Beginn des Rundwegs zeigt eine Wandertafel eine Karte von der Neyetalsperre. Ein Schmetterling fühlt sich wohl darauf. Links hinter dem Schmetterling ist der Wanderparkplatz Großblumberg und noch eine weitere Parkplatzfläche dort eingezeichnet. © Foto: Meike Nordmeyer

An meinem ersten Urlaubstag breche ich gleich früh auf zu meiner Tour. Endlich mal wieder unterwegs sein und etwas neues erkunden! Von Wuppertal aus fahre ich eine knappe Stunde zu der Talsperre in Wipperfürth. Die ist zwar nur 48 Kilometer entfernt, aber ab der Abfahrt in Remscheid von der A1 geht es übers Land durchs Bergische, das dauert eben ein bisschen. Auf dem Wanderparkplatz Großblumberg steht an dem Montagmorgen nur ein Auto, mein Wagen wird also der zweite dort. Ich laufe von daaus vorbei am Gasthaus zur Neyetalsperre, das am Montag Ruhetag hätte, aber in dieser Phase im Mai 2020 ohnehin geschlossen bleiben muss. Weiter geradeaus laufend komme ich schon bald zum Wanderweg und gehe seitlich an der dürren weißen Schranke vorbei, die davor steht. Der Weg führt zunächst zu einer Wandertafel, die den Stausee und die Umgebung zeigt. Dann geht es in einer Linkskurve hinab zur Staumauer. Nein, hier kann man sich nicht verlaufen.

Bezaubernd schon zu Beginn: der Weg über die Staumauer der Neyetalsperre mit ihren beiden Türmchen, den sogenannten Schieberhäusern. © Foto: Meike Nordmeyer

Über die Staumauer zu gehen, das ist schon ein toller Auftakt zu der Rundwanderung, die in etwa 11 Kilometern einmal um den See führt. Zwei hübsche Türmchen, die sogenannten Schieberhäuser, stehen direkt an der Staumauer im Wasser. Ich bleibe dort erstmal länger stehen, lehne mich ans Geländer und schaue auf die Wasserfläche, auf die Spiegelung der Wolken im glatten Wasser und das von Bäumen dicht gesäumte Ufer. Ein grüner Holzkahn schaukelt sanft im Wasser, festgemacht an einer kleinen weißen Boje, und es scheint, als sei er extra für idyllische Fotos dort platziert worden. Es ist eine bezaubernde Szenerie. Nach dem Überqueren der Staumauer geht es dann direkt nach rechts auf den Rundweg. Von nun an ist einfach immer der Weg zu nehmen, der am nächsten am Wasser entlangführt. Es ist ganz einfach.

Spiegelung auf der Neyetalsperre
Was für eine Szenerie! Blick auf den See der Neye von der Staumauer aus. © Foto: Meike Nordmeyer

Am dem Montagvormittag bin ich auf dem Rundweg fast allein. Nur gelegentlich begegne ich einem Pärchen, das dort ebenfalls wandert, dem ein oder anderem Hundbesitzer mit seinem vierbeinigen Kameraden, einer Joggerin oder einem Fahrradfahrer. Abstand halten ist da gar kein Problem. In dieser von Corona geprägten Zeit finde ich es sehr wohltuend, nicht ständig im Zickzack zu laufen, um anderen Leuten auszuweichen und den erforderlichen Abstand einhalten zu können. Hier geht das ganz von selbst. Der Wanderweg ist breit, es ist wenig los, und das ist auch an einem sonnigen Sonntag zur Ferienzeit so, wie ich bei einer späteren Wiederholungstour freudig feststelle. Daher ist dies mein Ausflugstipp insbesondere auch zur Corona-Zeit.

Wanderweg an der Neyetalsperre
Der Wanderweg an der Neyetalsperre ist breit und es ist wenig los – Abstand halten ist da ganz leicht. © Foto: Meike Nordmeyer

Ein weiteres dickes Plus: Die Wanderung um die Neyetalsperre führt an der Nordseite des Stausees die meiste Zeit ganz nah am Ufer entlang. So läuft man immer nah am Wasser. Der See breitet sich auf dieser Seite mehrmals in langgestreckte, schmale Buchten aus, die mir vorkommen wie Fjorde, die ich daher auch so nenne. An den Spitzen dieser Fjorde wird das Wasser immer flacher und es zeigt sich kristallklar. Die Bäume reichen mit den Ästen teilweise bis ins Wasser hinein, das hier die verschiedensten Schattierungen von Grün zeichnet. An vielen besonders schönen Punkten am See sind Bänke aufgestellt, die ständig zur Rast einladen, weil der Blick aufs Wasser so magisch anzieht. So verbringe ich viel Zeit mit der Umrundung der Talsperre. Aber so war es ja auch gedacht, ich wollte den Urlaubstag im Grünen verbringen und lasse mir Zeit. Ich sitze einfach da und schaue, trinke Kaffee, fotografiere, schaue wieder einfach nur und dann bummele ich wieder weiter und schon bald lockt die nächste Bank mit schönem Ausblick. Die Runde ließe sich sicherlich auch in guten 3 Stunden schaffen, doch ich bin in 4 Stunden sehr gemütlich die 11 Kilometer um den See herumgelaufen.

Grüntöne an der Neyetalsperre
So viel Grün an der Neyetalsperre – im Mai ist das zarte, frische Grün an den Bäumen sehr reizvoll. Besonders schön wird es auch mit den bunten Blättern im Herbst werden. Da freue ich mich schon drauf. © Foto: Meike Nordmeyer

Ein lustiger Effekt stellt sich übrigens durch die Fjorde ein, die sich gerade am Anfang der Tour sehr weit ausdehnen und verzweigen. Wenn man etwa eine Stunde gelaufen ist, ergibt sich nach einer Kurve erstmals ein Blick zurück auf die Staumauer. Und natürlich steht an diesem schönen Punkt auch wieder die passende Bank. Doch dafür, dass man eine Stunde gelaufen ist, wirkt die Staumauer überraschend nah. Das ist sie dann auch. Die Wandernden haben sich an diesem Punkt noch gar nicht so weit von dem Bauwerk entfernt, während sie damit beschäftigt waren, um die Fjorde zu laufen. Ein Blick auf die Wandertafel, der sich am Ende der Tour nochmal anbietet, macht das auch deutlich. Aber in dem Moment ist der Anblick einfach nur verblüffend. Während ich auf dieser Bank sitze und auf das Wasser und die hübschen Türmchen der Staumauer schaue, höre ich zwei Fahrradfahrer hinter mir, die kurz stehenbleiben. „Wir sind ja noch gar nicht so weit gekommen“, sagt einer der beiden verwundert. Ich zeige hier extra kein Foto davon. Den Überraschungsblick überlasse ich jedem selbst.

Grüntöne am Fjord
Viele Grüntöne, die teilweise auch in Khaki übergehen, zeigen sich an den langgestreckten Buchten, die wie Fjorde wirken. © Foto: Meike Nordmeyer

Auch etwas später wird es so sein, dass man denkt, man wäre schon längst viel weiter gekommen und müsste doch jetzt schon bald den Wendepunkt auf die andere Seite des Sees erreicht haben und dann kommt doch noch der ein oder andere Schlenker. Es ließe sich ja auch einfach mal nachschauen im Smartphone, an welchem Punkt man sich befindet, so denkt der schlaue Wanderer sich da. Doch Pustekuchen – das geht gar nicht einfach so. Denn auf der Nordseite des Sees gibt es keinen Handyempfang. Also wirklich gar keinen. Mal eben die Position nachschauen oder ein Foto posten, das ist nicht möglich. Aber das ist ja auch eigentlich schön so, es zeigt, wie sehr man im Grünen wandelt und damit auch fernab von jedem Straßenlärm. Kein sinnlos aufheulender Motor irgendeines aufgemotzten Motorrads oder Autos ist da zu hören. Das ist wirklich wohltuend.

Doch bevor der Wendepunkt der Tour kommt, erreicht die Wanderung erstmal meine Lieblingsbank. Das ist nach etwa 2 Stunden (im Bummeltempo) der Fall und damit nach deutlich mehr als der Hälfte des Weges. Die Lieblingsbank (siehe auf dem Aufmacherbild, also ganz oben) bietet den Blick zurück auf die Wasserfläche, die im Blickwinkel von dort meistens wunderbar glitzert. Wenn es von daaus dann irgendwann wieder weiter geht, dann verändert sich schon bald der Anblick, die Wasserfläche wird schmaler und versteckter. Bevor die Neye, ein Nebenfluss der Wupper, sich anschickt, zu einem stattlichen Stausee zu werden, bildet sie eine Sumpflandschaft, in der hohe Gräser wachsen und Bäume stehen und in der sich offenbar viele Vögel in bester Deckung sehr wohl fühlen, denn fröhliches Gezwitscher ist da zu vernehmen. Zu den Sträuchern und Blumen am Wegesrand flattern unterdessen die Schmetterlinge. Dann endlich macht der Weg eine Biegung nach rechts und führt nun über die Neye zur anderen Seeseite. Eine rustikale Holzhütte steht vor der schmalen Brücke. Da ist wieder das Norwegen-Flair – oder doch eher Kanada?

Holzhütte an der Neyetalsperre
Holzhütte am Wendepunkt – an dieser Stelle geht es über die Neye hinüber zu der anderen Seeseite. © Foto: Meike Nordmeyer

Auf der anderen Seeseite geht der Weg nun leicht bergauf und führt dann auf etwas höherer Ebene am Wasser entlang. Auch das bietet reizvolle Ausblicke zwischen den Bäumen und hier finden sich auch noch ein paar schön platzierte Bänke. Jetzt führt der Weg wesentlich geradeliniger zurück. Nach einiger Zeit gibt es endlich mal wieder einen Ausblick auf die Staumauer und nun sorgt sie für den umgekehrten Eindruck, nämlich dass sie noch erstaunlich weit weg ist. Die Mauer treibt halt so ihren Schabernack mit den Wanderern.

Baumstumpf mit Herz am Ufer der Neyetalsperre © Foto: Meike Nordmeyer

Kurz bevor die Runde sich schließt und die aufgestellte Landkarte vom Anfang wieder erreicht ist, führt der Wanderweg erstmals etwas auf und ab und schließlich noch einmal hinunter bis zur Wasserkante. Mit einer kleinen in einen Baumstumpf geschnitzten Skulptur gibt es einen herzigen Abschied vom See.

Biergarten an der Neyetalsperre
Nach der Umrundung des Stausees lädt der Biergarten des Gasthauses zur Neyetalsperre ein. Dort lasse ich mich nieder und trinke ein alkoholfreies Weizenbier – das zischt. © Foto: Meike Nordmeyer

Als ich die Wanderung bereits zum dritten Mal unternehme, diesmal an einem sehr heißen Sommertag, kehre ich zum Abschluss in das wieder geöffnete Gasthaus zur Neyetalsperre ein. Dieses bietet vor seinem typisch bergischen Fachwerkhaus einen schönen Biergarten. Es ist wenig los an diesem Sonntag in den Schulferien. An dem Hitzetag im August ist es wohl eher an der Bevertalsperre rappelvoll, weil alle baden wollen. Mir kann es nur recht sein. Ich sitze unterdessen  im fast leeren Biergarten und trinke ein alkoholfreies Weizenbier. Das zischt! Und ein weiteres Mal bin ich ganz beseelt von meiner Tour um die Neyetalsperre. Es ist mein Geheimtipp für intensives und dabei ganz entspanntes Naturerlebnis im Bergischen Land.

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Zu meinen Ausflügen zur Neyetalsperre bin ich von niemanden eingeladen worden, sondern habe sie aus eigenem Antrieb und dringendem Bedürfnis unternommen und die übersichtlichen Kosten für Anreise und Weizenbier selber finanziert. Die Tour ist nach einem guten Tipp eine Entdeckung, die ich hiermit gerne weiterempfehle.

Weitere Infos für Talsperrenfans
Die Neyetalsperre wurde von 1908 bis 1909 gebaut. Das gestaute Gewässer ist die Neye, ein Nebenfluss der Wupper. Die Talsperre wurde nach dem Intze-Prinzip errichtet, benannt nach dem Aachener Bauingenieur Prof. Otto Intze. Auf der Wasserseite der bogenförmigen Mauer befindet sich im oberen Bereich ein Vorsatzmauerwerk und im unteren Bereich eine Aufschüttung aus Lehm. Die gekrümmte Staumauer aus Bruchsteinmauerwerk ist 31 Meter hoch und hat eine Kronenlänge von 260 Metern. Das Fassungsvermögen beträgt 6 Millionen Kubikmeter, die Oberfläche bei Vollstau 0,68 Quadratkilometer. Bis zum Jahr 2004 wurde die Neyetalsperre zur Trinkwassergewinnung für die Stadt Remscheid genutzt. Sie bleibt als Trinkwasserreserve für Notsituationen erhalten und dient ansonsten der ökologischen Bewirtschaftung, dem Hochwasserschutz oder der Niedrigwasseraufhöhung. Mit den benachbarten Talsperren, der Bevertalsperre, der Schevelinger Talsperre sowie dem Mühlenteich Wasserfuhr ist sie durch Stollen verbunden. Dieser Verbund der Talsperren ist der sogenannte Beverblock. Eigentümerin der Neyetalsperre ist die EWR GmbH, sie hat die Betriebsführung seit 2007 dem Wupperverband übertragen.
Mehr Infos über diese und weitere Talsperren auf der Webseite des Wupperverbandes

Anreise mit dem Auto und Beschreibung Wanderweg
Für die Anfahrt ist in das Navi einfach die Adresse Wipperfürth, Großblumberg einzugeben und dann den Wagen auf dem kostenfreien Wanderparkplatz dort abzustellen. Von daaus am Gasthaus zur Neyetalsperre vorbeigehen, geradeaus weiterlaufen und auf die weiße Schranke zugehen. Nach links zweigt dort ebenfalls ein Weg ab, vor dem eine Schranke steht, den aber links liegen lassen. An der Schranke, die geradeaus vor einem steht, vorbeigehen, wenige Meter bis zur Wandertafel laufen und dann geht es nach links runter zur Staumauer, die kurz darauf zu erreichen ist. Die Staumauer überqueren und danach direkt nach rechts abbiegen. Das ist dort auf dieser Seeseite immer der Wanderweg A7. An der urigen Holzhütte geht es dann auf die andere Seeseite. Nach der Brücke dort über die Neye nach rechts abbiegen und wieder zurücklaufen. Auch hier gilt, immer den Weg nehmen, der am nächsten am Wasser entlangführt. Dann kommt man nach insgesamt etwa 11 Kilometern wieder an der Wandertafel unterhalb des Parkplatzes Großblumberg an.

Noch ein Tipp für eine besondere Wanderung in NRW
Bei den Hochlandrindern im Witte Venn

Ein märchenhafter Spaziergang in Wuppertal
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4 Replies to “Geheimtipp fürs Bergische Land: Ausflug zur Neyetalsperre

    1. Naja, die Laufzeit sind ja eher gute 3 Stunden. Der Rest ist dann Zeit für die Rast auf den Bänken mit schöner Aussicht. Da lässt sich die Tour dann ganz gemütlich genießen. Ja, das Bergische Land ist wirklich sehr schön!

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