Bei den Hochlandrindern im Witte Venn

Hochlandrind im Witte Venn
Ein junges schottisches Hochlandrind im Witte Venn.
© Foto: Meike Nordmeyer

Kleine Äste knacken unter meinen Schritten. Ich nähere mich vorsichtig dem jungen schottischen Hochlandrind, das vor mir auf dem weichen Waldboden im Witte Venn im westlichen Münsterland steht. Das rotbraune Tier, das so entzückend flauschig aussieht, schaut kurz herüber, lässt sich aber gar nicht irritieren und knabbert bald darauf weiter an dem Gestrüpp vor ihm. Schnell mache ich ein Foto und entferne mich wieder ein wenig von dem jungen Rind. Ich bin mit Clemens-August Brüggemann durch das Witte Venn unterwegs. Der Seniorchef des Landgasthofes Haarmühle in Ahaus-Alstätte (im Kreis Borken) kennt die weitläufige Moor-, Wald- und Heidelandschaft wie seine Westentasche. Er führt die Besucher mit ansteckender Begeisterung durch das Naturschutzgebiet und macht auch gerne für sie die Hochlandrinder ausfindig. „Dafür muss man ein bisschen Glück haben, aber meistens finde ich sie. Manchmal stehen Wanderer auch ganz unerwartet vor ihnen. Dann bekommen sie einen Schreck“, erzählt Brüggemann grinsend. „Doch Angst braucht man vor den Tieren nicht zu haben. Die sind absolut friedlich.“

Hochlandrind im Witte Venn
Auf saftigen Wiesen grasen die schottischen Hochlandrinder im Witte Venn und lassen sich dabei nicht aus der Ruhe bringen. © Foto: Meike Nordmeyer

Wir stapfen ein paar Schritte weiter durch das hohe Gras und stehen vor einem ausgewachsenen Hochlandrind mit seinen weitausladenen, spitz zulaufenden Hörnern. Das Tier hat uns natürlich längst bemerkt, interessiert sich aber nicht sonderlich für uns. Dennoch flößt es mir Respekt ein. „Wenn Sie immer in meiner Nähe bleiben, kann Ihnen gar nichts passieren“, sagt Brüggemann lachend und läuft mit großen Schritten weit voraus über die buckelige Wiese mit ihren unter den Halmen gut versteckten matschigen Kuhlen. Ich habe Mühe, immer sicheren Tritt zu finden und mit seinem Tempo mitzuhalten. Zum Glück stehen wir bald schon wieder vor dem kleinen Elektromobil, mit dem wir durch die Landschaft unterwegs sind, von der Brüggemann die vielen besonders schönen Stellen zeigt, die er kennt und liebt.

Im Witte Venn
Eine Landschaft wie in sanften Tönen gemalt – Ausblick auf einen kleinen See im Witte Venn.
© Foto: Meike Nordmeyer

Seit 1939 steht das Witte Venn bereits unter Naturschutz. Es ist durchzogen von einem weit verzweigten Netz gut ausgewiesener Wander- und Radwege, das es zu einem lohnenden Ausflugsziel für Naturliebhaber und Ruhesuchende macht. Die etwa 50 schottischen Hochlandrinder sind in dem Naturschutzgebiet im Jahr 1976 angesiedelt worden. Sie sehen nicht nur fantastisch schön aus in dieser üppig grünen Landschaft, sondern erbringen auch nützliche Dienste, indem sie sich als umherziehende Rasenmäher betätigen. Daher werden sie gerne als „zottelige Landschaftspfleger“ bezeichnet und sehr geschätzt.

Brüggemann im Elektroauto
Clemens-August Brüggemann fährt Besucher gerne mit dem Elektroauto durch das Witte Venn. An das Mobil kann noch ein Anhänger angefügt werden, dann können bis zu elf Personen an der Tour teilnehmen. © Foto: Meike Nordmeyer

Dabei interessiert es die gutmütigen Rinder nicht, in welchem Land sie gerade das Gras mampfen. Auch als Wanderer weiß man nie so genau, ob man gerade in Deutschland oder in den Niederlanden steht, denn die weite Moor- und Heidelandschaft erstreckt sich grenzüberschreitend. „Von unseren niederländischen Nachbarn trennt uns hier nichts. Man findet allenfalls mal einen alten Grenzstein oder einen Holzzaun, der ein Grundstück markiert“, erklärt Brüggemann. Früher sei die Gegend aber ein Schmugglergebiet gewesen, da ging es zum Beispiel um Kaffee oder Zigaretten. Während Brüggemann den kleinen, offenen Elektrowagen mit Schwung über die breiteren Fahrwege oder zwischendurch auch gerne mal für eine Abkürzung über kleine holperige Trampelpfade lenkt, gibt er jede Menge Anekdoten und Schmugglergeschichten zum Besten. Mit Freude erzählt er zum Beispiel von einem Dackel, dem damals auf niederländischer Seite zwei kleine Kaffeesäcke auf den Rücken gebunden wurden. Der schlaue Hund wusste, wo er eine Wurst zur Belohnung erhalten werde, und so lief er so schnell er mit seinen kurzen Beinen konnte über die grüne Grenze nach Deutschland. Im hohen Gras und Gebüsch war er für die Zöllner nicht zu sehen, geschweige denn zu erwischen.

Eine Tour mit Brüggemann ist ein tolles Erlebnis, um das Witte Venn kennenzulernen, die Natur- und Tierwelt zu erkunden und dabei auch auf unterhaltsame Weise einiges von der Geschichte und den Besonderheiten dieser Gegend zu erfahren. Das von ihm und seiner Familie geführte Ausflugslokal Haarmühle bildet dabei einen guten Ausgangspunkt für diverse Exkursionen.

Landgasthof Haarmühle
Der Landgasthof Haarmühle in Ahaus-Alstätte bildet einen guten Ausgangspunkt für Ausflüge in das Witte Venn. © Foto: Meike Nordmeyer

Seit 1930 gibt es bereits den Gastronomiebetrieb an dieser Stelle. Doch die Geschichte des Hofes reicht viel weiter zurück, angefangen hat alles mit der Landwirtschaft und einer Mühle aus dem Jahr 1619. Die historische Mühle besteht auch heute noch, ist gut restauriert und kann für Vorführungen sogar in Betrieb genommen werden. 1865 wurde das Gut Haarmann errichtet, dessen einstiger riesiger Stall heute das Restaurant Haarmühle ist. Auf der großen Terrasse vor dem Restaurant habe ich mich vor dem Ausflug erstmal mit Kaffee und Kuchen gestärkt. Im Anschluss an die Tour durch das Witte Venn lässt es sich in den Landgasthof natürlich ebenfalls trefflich einkehren, um den erlebnisreichen Tag genüsslich ausklingen zu lassen.

Ruderboote am Landgasthof Haarmühle
Kleine Ruderpartie gefällig? Neben der alten Mühle am Landgasthof Haarmühle liegen kleine Ruderboote bereit für eine Fahrt auf der Ahauser Aa. © Foto: Meike Nordmeyer

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Ich bin von Tourismus NRW zu einem Ausflug ins Münsterland eingeladen worden, dazu gehörte auch der Besuch im Landgasthof Haarmühle und die Tour mit dem Elektromobil durch das Witte Venn.

Der Landgasthof Haarmühle in Ahaus-Alstätte im Kreis Borken ist täglich ab 9 Uhr geöffnet. Wer mag, kann von dem Ausflugslokal aus auf eigene Faust losziehen, von dort aus geht es direkt in das Witte Venn, die Wander- und Radwege sind gut ausgewiesen. Für geführte Touren bietet das Ausflugslokal ein vielfältiges Angebot, dazu gehören Wanderungen, Planwagenfahrten, Touren mit Segways oder mit dem offenen, aber überdachten Elektroauto. Auch Ruderpartien auf der Ahauser Aa sind möglich. Kleine Ruderboote liegen zum Mieten neben der Haarmühle bereit.

Eine von Clemens-August Brüggemann geführte Tour mit dem Elektromobil, auf der es Informationen zum Naturschutzgebiet und alte Schmugglergeschichten zu hören gibt, lässt sich beispielsweise zum Preis von insgesamt 140 Euro buchen. Die Dauer beträgt etwa 3 Stunden. An der Tour können bis zu elf Personen teilnehmen.
(Stand der Infos: Februar 2018)

Weitere Informationen beim Landgasthof Haarmühle.

Zum Weiterlesen

Meike Nordmeyer

Hier bloggt Meike Nordmeyer, freie Journalistin aus Wuppertal. Auf ihrem Reiseblog meikemeilen schreibt sie über ihre Reisen rund um die Welt, und ihre liebsten Themen sind dabei Kultur und Genuss.

4 Replies to “Bei den Hochlandrindern im Witte Venn

  1. Schöne Fotos, sieht echt ziemlich cool aus :)
    Bei uns in der Gegend gibt es Auerochsen, die extra rückgezüchtet wurden, um die Moorlandschaft dort aufrechtzuerhalten. Finde ich eine tolle Sache :D
    Viele Grüße, Kerstin

    1. Dankeschön. Freut mich, dass Dir der Artikel gefällt.
      Ich habe gerade auch mal in Deinen Blog reingeschaut. Der sieht auch sehr interessant aus. Da sind auch tolle Ausflugstipps drin.
      Viele Grüße, Meike

  2. Hallo Meike,
    ein schöner Bericht. Die Hochlandrinder sind immer sehr beeindruckend und wirkliche Landschaftspfleger. :) Insbesondere in den Auenlandschaften sind die Tiere schön anzusehen. Da genieße ich oft die wunderbare Ruhe die von den Tieren ausgeht. Viele Grüße Thomas

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