Polarforschung in Bremerhaven – Streetart macht neugierig

Streetart zu Polarforschung in Bremerhaven
Ein großflächiges Stück Streetart auf der Backsteinmauer des Heizkraftwerkes erzählt von der Polarforschung in Bremerhaven. © Foto: Meike Nordmeyer

Legendäre Schiffe und ein Eisbär an der Wand – in Bremerhaven lässt sich ein noch recht neues Stück Streetart entdecken. Das großflächige Wandgemälde wurde von innerfields in Berlin, von den Künstlern Jakob Tory Bardou und Holger Weißflog in diesem Sommer fertiggestellt und findet sich auf der Backsteinmauer des Heizkraftwerkes Bremerhaven an der Kreuzung Lloydstraße und Barkhausenstraße. Nah gelegen ist es damit an dem Viertel “Havenwelten” mit seinen touristischen Attraktionen wie dem Klimahaus Bremerhaven 8° Ost, dem Deutschen Auswandererhaus und dem Deutschen Schifffahrtsmuseum. Bisher scheint das schöne Stück Streetart am Heizkraftwerk jedoch eher weniger Beachtung zu erhalten. Auch deshalb zeige ich es hier und gehe darauf genauer ein, denn es gibt viel zu erzählen dazu.

Das Bild an der Backsteinwand zeigt Motive der Polarforschung, ein spannendes Fachgebiet, das schon seit mehr als 150 Jahren zur Stadtgeschichte von Bremerhaven gehört. Im Mittelpunkt des Wandgemäldes steht ein Portrait von Kapitän Carl Koldewey. Der Seemann und Entdecker brach im Mai 1868 zur ersten deutschen Polarexpedition mit der “Grönland” auf, einem 29 Meter langen Einmaster. Auf dem Bild hält der Kapitän sein Segelschiff schützend im Arm. Ebenfalls zu sehen auf der Wand ist der weltbekannte Forschungseisbrecher “Polarstern“. Das Forschungsschiff ist das wichtigste Werkzeug der heutigen deutschen Polarforschung und das Flaggschiff des renommierten Alfred-Wegener-Institutes, das in Bremerhaven beheimatet ist. Forschungsreise heute und einst: So fügt sich die Polarstern als Motiv perfekt zu Kapitän Koldewey und seinem Segelschiff.

Das Segelschiff Grönland wurde 1867 gebaut. Es handelt sich um den zu seiner Zeit in Norwegen weitverbreiteten Schiffstyp „Nordische Jagt“. Dieser wurde für die Robbenjagd und den Küstentransport eingesetzt. “Für die Expedition in das Nordpolarmeer wurde das noch junge Segelschiff erheblich überarbeitet, es erhielt einen neuen Mast, neues Takelwerk und vor allem der Rumpfbereich wurde verstärkt. Damit sollte es dem Druck des Packeises besser standhalten können, denn man wusste schon aus Berichten von anderen Expeditionen, dass man mit dem Schiff einfrieren könnte”, so berichtet Dr. Frederic Theis, Historiker und wissenschaftlicher Mitarbeiter des Deutschen Schifffahrtsmuseums Bremerhaven.

Streetart in Bremerhaven mit Eisbären
Streetart zeigt Szenen der Polarforschung – aus seitlichem Blickwinkel ist auch ein Eisbär auf dem Packeis zu sehen. © Foto: Meike Nordmeyer

Im norwegischen Bergen ging es los. Dort brach die insgesamt zwölfköpfige Besatzung der Grönland im Mai 1868 zu der Expedition auf. Kapitän Koldewey und seine Crew trieben auf der weiten Reise in das Nordpolarmeer die Vermessung der Region, vor allem in Spitzbergen voran. Sie berichteten über Meerestemperaturen, Strömungen, Eisstärken und Wetterverhältnisse. “Die von der Crew gemachten Angaben von geographisch eingemessenen Objekten wie Inseln und Gebirge haben bis heute Bestand”, erklärt Theis. Neben Forschungen und Vermessungen bestanden die Seeleute auch Abenteuer und Gefahren, sie trotzten Stürmen, umschifften Eisberge und wehrten sich gegen Angriffe von Eisbären. Doch es ging alles gut aus und Kapitän Koldewey schaffte es, das Schiff und seine Crew unversehrt zurückzubringen. Am 10. Oktober 1868 lief die Grönland in Bremerhaven ein.

Diese weite Reise in kaum bekannte Gefilde des hohen Nordens schuf die Grundlage für weitere Expeditionen und begründete damit die deutsche Forschungsschifffahrt. Dabei hält diese Expedition einen Rekord bis heute: Am 15. September 1868 erreichte das Schiff vor Grönland, nordwestlich von Spitzbergen den nördlichsten Punkt der Reise bei 81° 4,5‘ nördlicher Breite. Dies ist der nördlichste Punkt, den ein Segelschiff ohne Hilfsmotor bis heute nachweislich erreicht hat. Das Besondere an der Grönland ist aber auch: Das historisch bedeutende Schiff ist bis heute seetüchtig und regelmäßig zu Ausflugstouren unterwegs. Damit ist es das älteste heute noch segelnde Seeschiff in Deutschland.

Segelschiff Grönland
Die Grönland – legendäres Forschungsschiff von 1867 und das älteste heute noch segelnde Seeschiff in Deutschland. © Foto: Deutsches Schifffahrtsmuseum (DSM)

Nach dieser bedeutenden Expedition wurde die Grönland 1871 nach Norwegen verkauft und diente dort wieder gemäß seiner ursprünglichen Bestimmung als Fischereifahrzeug, Robbenfänger und Transportschiff. Dafür erfuhr es einige Umbauten. Neben einem Motor wurden auch ein Ruderhaus und ein Schornstein eingebaut, der Mast hingegen entfernt. Im Jahr 1970 ist das Schiff schließlich durch einen Osloer Schiffsliebhaber gekauft und wieder in seinen ursprünglichen Zustand zurückversetzt worden. Bald wurde man auch in Bremerhaven darauf aufmerksam, dass dieses historische Schätzchen noch recht wohlbehalten existierte. 1973 wurde es für 120.000 DM durch das noch junge Deutsche Schifffahrtsmuseum angekauft.

Das Segelschiff Grönland auf See
Die Grönland in voller Fahrt auf See. Hier nimmt das historische Segelschiff am Wilhelmshaven Sailing Cup 2019 teil. © Foto: DSM / Wolfgang Amelang

Seitdem liegt die Grönland – wenn sie nicht gerade auf Tour ist – im Hafen von Bremerhaven. Eigentlich. Ich konnte das legendäre Schiff, auf das mich die Streetart aufmerksam und neugierig gemacht hat, bei meinem Aufenthalt in Bremerhaven leider nicht in Augenschein nehmen und fotografieren. Denn seit einiger Zeit bereits befindet sich das Segelschiff in einer Werft in Hvide Sande in Dänemark und wird dort aufwändig restauriert. Vor allem die verbauten Hölzer müssen grundlegend erneuert werden. Frühestens im Laufe des kommenden Jahres kehrt das Schiff wieder an seinen Liegeplatz in Bremerhaven zurück, so schätzt Museumsmitarbeiter Theis den Zeitrahmen ein. Der Historiker gehört zu der ehrenamtlichen Crew der Grönland, einem Team aus 15 Fachleuten und Begeisterten, die das alte Segelschiff pflegen und hegen und mit ihm regelmäßig auf Fahrt gehen, beispielsweise auf Wochenendtörns nach Helgoland oder auch bis nach Skandinavien. “Die Grönland fehlt uns sehr”, sagt Theis mit versonnenem Blick. “Wir von der Crew fahren derzeit regelmäßig gemeinsam zur Werft nach Dänemark, um dort bei bestimmten Arbeiten mitzuhelfen, damit es schneller geht und die Grönland eher zu uns zurückkehren kann”, berichtet er.

Legendäre Schiffe der Polarforschung in Bremerhaven: die Grönland und die Polarstern
Zwei legendäre Forschungsschiffe begegnen sich – die Grönland und die Polarstern im Jahr 2019 auf der Nordsee vor Wangerooge. © Foto: DSM / Steffen Spielke

Theis war auch mit der Crew auf der Grönland unterwegs, als das Segelschiff im Juni 2019 aus Bremerhaven rausfuhr, um die Polarstern auf offener See zu treffen. Es war eine Tour zur Begrüßung des modernen Forschungsschiffes, als dieses von einer Expedition aus der Antarktis zurückkam. Die Polarstern kehrte damals nach Bremerhaven zurück, um sich dort für die nächste Forschungsreise, die große, aufsehenerregende “Mosaic-Expedition” in den arktischen Winter vorzubereiten, die bald folgen sollte. Über die Mosaic-Expedition ist eine faszinierende TV-Dokumentation entstanden, mit der die internationale Forschungsarbeit des Alfred-Wegener-Institutes in der breiten Öffentlichkeit noch bekannter wurde.

Durch diese Begrüßungsaktion in der Zeit davor begegneten sich die beiden bedeutenden Forschungsschiffe auf der Nordsee vor Wangerooge – dieses besondere Ereignis für die Polarforschung in Bremerhaven zeigt das obenstehende und auch das folgende Foto. “Das war ein historischer Augenblick und ein ganz emotionaler Moment für die Crews beider Schiffe. Die zurückkehrende Polarstern auf offener See zu erblicken – das war eine meiner besten Erlebnisse mit der Grönland”, ergänzt Theis lächelnd.

Auf der Grönland mit Blick auf die Polarstern
Dr. Frederic Theis im Einsatz auf der Grönland bei der Begegnung mit der Polarstern auf der Nordsee. Foto: DSM / Niels Hollmeier

Von der Grönland und der Polarstern erzählt nun dieses Stück Streetart an der Kreuzung in Bremerhaven und verweist so auf die Geschichte der Polarforschung in Bremerhaven. Die Idee und das Konzept für dieses inspirierende Kunstwerk kam vom Ankerherz Verlag. Etwas schade ist, dass das so schöne und interessante Werk an der Wand des Heizkraftwerks bislang nur wenig zur Geltung kommt. Der Platz vor dem Bild hat eher Hinterhof-Charakter. Aber dagegen könnte sich das markante Werk durch seine Größe noch gut behaupten. Doch Bäume und Gestrüpp verdecken die Sicht auf das Bild stellenweise und stören die Gesamtwirkung. Ein Zaun um das Gelände macht es zudem schwierig, das Stück gut zu fotografieren. Eine entsprechende Aussparung im Zaun an geeigneter Stelle als Blickfeld und markierter Fotopunkt wäre da zum Beispiel sehr hilfreich und könnte wirkungsvoll angebracht werden. Das würde auch noch etwas mehr Wertschätzung für das Bild bedeuten und Aufmerksamkeit bei Passanten wecken. Aber vielleicht entwickelt sich das ja noch, da ist auf jeden Fall noch Potenzial.

Streetart Polarforschung in Bremerhaven
Das Stück Streetart zur Polarforschung auf einer Wand des Heizkraftwerks in Bremerhaven – hier ist es nochmal in seinem Umfeld zu sehen. Da braucht es schon einen besonderen Blick und ein Herz für Streetart, um diese dort zu bemerken und zu würdigen. Aber Streetart-Fans wird das gute Stück sicherlich nicht entgehen. Ich habe es von einer Verkehrsinsel aus fotografiert und neugierige Blicke der AutofahrerInnen mit der Aktion bewirkt. © Foto: Meike Nordmeyer

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Im Rahmen der Jahreshauptversammlung 2021 der Vereinigung Deutscher Reisejournalisten (VDRJ) habe ich für ein verlängertes Wochenende Bremerhaven besucht. Unterstützt wurde der Aufenthalt in der Stadt mit touristischem Programm von Erlebnis Bremerhaven. Die Anreise mit der Bahn sowie die Übernachtungen im Hotel The Liberty habe ich selbst finanziert.

In dem maritimen Viertel “Havenwelten” lädt neben den beiden neueren Erlebnismuseen, dem Klimahaus Bremerhaven 8° Ost und dem Deutschen Auswandererhaus, auch das Deutsche Schifffahrtsmuseum zum Besuch ein.

Das Deutsche Schifffahrtsmuseum ist das nationale Schifffahrtsmuseum in Deutschland. Es gehört als Leibniz-Institut für Maritime Geschichte zur Leibniz-Gemeinschaft und vereinigt als eines von acht Forschungsmuseen der Gemeinschaft Ausstellungs- und Forschungstätigkeiten.

Ein großer Teil der Museumsgebäude befinden sich derzeit im Umbau. Geöffnet ist aber weiterhin die Kogge-Halle, sie bildet das Herzstück des Museums. Gezeigt wird darin die Kogge von 1380 – das Wrack eines mittelalterlichen Handelsschiffes, das als das am besten erhaltene seiner Art weltweit gilt. Es wurde 1962 zufällig im Schlamm der Weser vor Bremen gefunden. Nach aufwändiger Bergung setzte ein Team von RestauratorInnen die rund 2000 Einzelteile zusammen. Es folgte ein langjähriger Konservierungsprozess. Die Ausstellung zur Kogge erzählt die Geschichte des Frachtschiffes und auch von der Seefahrt in der Hansezeit.

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