Streetart von ROA – 5 Murals in Flandern, London, Stavanger und Köln

Seine Bilder fallen auf – und wer einmal ein großformatiges Werk von ROA gesehen hat, erkennt seinen eindringlichen Stil sofort wieder. Der aus der flämischen Stadt Gent stammende Künstler ROA zählt zu den bekanntesten Streetartlern überhaupt. Er hat bereits Arbeiten auf der ganzen Welt geschaffen. So ist er mit Murals vertreten in europäischen Städten wie Berlin, London, Wien, Rom, Málaga, Lagos oder Warschau, aber auch weit darüber hinaus in verschiedenen Städten der USA und ebenso in Panama, Mexiko, Brasilien, Thailand, Australien oder auch Gambia. Häufiger wird er wie andere bekannte Streetartler auch im Rahmen von Festivals eingeladen und die Städte und die einladenden Streetart-Events dürfen sich glücklich schätzen, wenn ROA zusagt, denn sein Beitrag wertet das Festival und die Region enorm auf.

Nachdem ich den bekannten Kranich von ROA bereits 2014 in London gesehen hatte, gab es für mich 2015 einen weiteren Blick auf eins seiner Werke, als ich ein frühes großformatiges Mural in Gent betrachten konnte. Seitdem schätze ich seine Arbeiten und freue mich immer, wenn sich auf einer Reise eine Begegnung mit einer solchen ergibt. Dafür laufe ich auch meilenweit mit einem Stadtplan durch die Straßen. In diesem Artikel zeige ich fünf große Murals von ROA in europäischen Städten, in Gent, Ostende, London, Köln und Stavanger.

Hasen auf weißer Wand im flämischen Gent

Streetart von ROA in Gent
Vier Hasen auf weißem Mauerwerk an einem Durchgang zu einem Hinterhof in Gent – ein ausdrucksstarkes Werk von dem bekannten Streetart-Künstler ROA, der aus dieser flämischen Stadt stammt. © Foto: Meike Nordmeyer

Ich beginne die Zusammenstellung hier mit einem frühem Mural, das ROA bereits 2009 in seiner Geburtstadt Gent erstellt hat. Die flämische Stadt gilt durch seine Beiträge und auch die zahlreicher anderer Künstler schon lange als Hotspot für Streetart. Daher gibt es auch den “Sorry, Not Sorry Street Art Plan Gent”, in dem verzeichnet ist, wo die wichtigen Pieces in der Stadt zu finden sind. Dieser listet mittlerweile fast 200 Werke auf.

Mithilfe dieses Stadtplans habe ich auch das hier gezeigte ROA-Bild mit den vier Hasen an einem Durchgang zu einem Hinterhof aufgepürt. Ganz ruhig ist es dort, am frühen sommerlichen Abend scheint die Sonne auf das weiß grundierte Mauerwerk, auf dem das große Mural platziert ist. In groben, doch sehr dicht geführten schwarzen und grauen Strichen sind die Hasen detailgenau gezeichnet. ROA zeigt mit seinen Arbeiten in meist riesigen Formaten immer solche Tiere, die an den jeweiligen Orten im urbanen Raum vorkommen. Meist sind es Kleintiere, die mehr oder weniger im Verborgenen leben, oder vielleicht auch längst zurückgedrängt wurden und kaum noch zu finden sind. Die Kaninchen, die hier zu sehen sind, haben geschlossene Augen, fast scheinen diese verquollen zu sein. Sind diese Nagetiere nur gerade müde oder ganz und gar erschöpft? Sind einige von ihnen vielleicht krank oder schon tot? Das Kaninchen ganz rechts scheint jedoch ein Ohr zu heben und zu horchen. Hat es meine Schritte gehört? Die Arbeit ist berührend und rätselhaft. ROA zeichnet wirkungsvolle Bilder, die von ausharrenden Tieren erzählen, oftmals auch von der leidenden und von Menschen malträtierten Kreatur handeln.

Krasses Mural in Köln-Ehrenfeld

Streetart von ROA in Köln
Streetart von ROA in der Senefelder Straße in Köln-Ehrenfeld. © Foto: Meike Nordmeyer

Ein besonders herzzerreißendes Beispiel dafür ist das Werk von ROA in der Senefelder Straße im  Kölner Stadtteil Ehrenfeld. Denn es zeigt einen gehäuteten Hasen mit blutigem Leib, der an den Beinen und am Hals aufgehängt ist. Zu den für ROAs Arbeiten typischen Strichen in Schwarz-Weiß kommt aufgrund der schonungslosen Motivwahl die blutrote Farbe hinzu. Ein aufwühlender Anblick, so fanden es auch die Anwohner:innen, nachdem das Werk auf der Hauswand im Rahmen des Cityleaks Urban Art Festivals im Jahr 2011 in ihrer Straße entstanden war. Es regte sich Unmut darüber, auch Protest. Doch inzwischen haben sich die Anwohner:innen daran gewöhnt. Sie wissen es inzwischen wohl auch zu schätzen, ein Mural eines berühmten Streetart-Künstlers in ihrer Straße zu haben, das zu einer ganzen Reihe seiner Werke auf der ganzen Welt gehört. Der Stadtteil Ehrenfeld ist schon lange zu einem angesagten Streetart-Viertel avanciert und bietet einige Beiträge weiterer bekannter Künstler wie zum Beispiel Herakut, Ernest Zacharevic, Mr. Trash und L.E.T.

Gestapelte Stadttiere in Ostende

Streetart von ROA in Ostende
Streetart von ROA an einer Hauswand in der flämischen Küstenstadt Ostende © Foto: Meike Nordmeyer

In Ostende ist dieses großformatige Bild von ROA im Rahmen des Festival Chrystal Ship im Jahr 2016 entstanden. Die flämische Küstenstadt ist durch das Festival, das regelmäßig bekannte Streetartler herbeilockt, ebenfalls zu einem bedeutenden Ort für Streetart geworden. Vertreten sind weitere namhafte Künstler wie beispielsweise der großartige Pixel Pancho und auch Jaune.

Nahe an der Fußgängerzone, an einer als Parkplatz genutzten Baulücke findet sich diese Hauswand, die mit dem Werk von ROA aufwartet. In seinem unverkennbaren Stil hat er dort fünf Tiere detailgetreu gezeichnet. Hase, Eichhörnchen, Igel, Maulwurf und Maus – die an den Straßen auf kargen Grünflächen oder bestenfalls in den Stadtparks hausenden Kleintiere liegen aufeinandergestapelt. Fast könnte man bei dieser Tierpyramide an die Bremer Stadtmusikanten denken. Doch diese Tiere sind alles andere als unternehmungslustig. Sie haben die Augen geschlossen, sie schlafen ermattet oder sind vielleicht längst tot. Etwas Beklemmendes haben die Tierbilder von ROA immer an sich.

Berühmter Kranich auf Backstein in London

Streetart von ROA in London
Dieser Kranich darf schon als Klassiker gelten: berühmte Streetart von ROA in der Hanbury Street im Londoner East End. © Foto: Meike Nordmeyer

Stolz und offenbar unversehrt zeigt sich ein von ROA auf einer Backsteinwand gestalteter Kranich im East End von London. Der große Vogel ziert das für seine Streetart berühmte und bei Fans hochgeschätzte Terrain entlang der Brick Lane sowie in den Seitenstraßen. Insbesondere dieses schon lange bestehende Piece von ROA in der Hanbury Street ist bekannt und fast schon als ein Wahrzeichen für das angesagte Viertel anzusehen. Es besteht dort bereits seit 2010.

Der Genter Künstler hatte an dieser Stelle wohl eigentlich einen Reiher sprayen wollen, hat sich dann aber für einen Kranich entschieden, um damit eine Referenz zu erweisen an die vielen Bewohner:innen bengalischer Herkunft in diesem Stadtviertel. Denn der Kranich gilt in der bengalischen Kultur als ein heiliges Tier.

Streetart von ROA in Stavanger
Streetart von ROA in Stavanger, einer Stadt im Südwesten Norwegens. © Foto: Meike Nordmeyer

Zerstückelter Wal in Stavanger

Die norwegische Stadt Stavanger ist durch das NuArt Festival ebenfalls als lohnendes Ziel für Streetart-Fans bekannt. Das Festival findet seit 2001 jährlich statt und hat seit 2005 seinen Fokus auf Streetart gesetzt. Es gibt auch für Stavanger einen Stadtplan, in dem die Streetart verzeichnet ist. Mit diesem habe ich viele faszinierende Werke erkundet und auch diesen großen Kopf eines Walfisches von ROA entdeckt, der 2013 entstanden ist. Mit der Wahl dieser Tierart zeigt der Künstler einmal nicht ein in der Stadt hausendes Kleintier, sondern eins, das auf die Geschichte des Landes und seine Walfangtradition verweist, die immer auch eine blutige Geschichte ist. Zerstückelt ist dieser Wal daher und die Farbe Blutrot ergänzt auch hier als Zeichen der Wunden und des Leidens der Tiere das Farbspektrum der Zeichnung. Und es gibt noch einen weiteren Störfaktor in diesem Bild. Die nach dem Tauchvorgang ausgestoßene Atemluft der Wale, die typische weiße Fontäne, die sich dann zeigt und als Blas bezeichnet wird – die ist hier in Schwarz dargestellt. Sie verweist damit auf die Verschmutzung der Meere und natürlich auch unmissverständlich auf das Thema Erdöl, das in Stavanger zentral ist. Die Stadt gilt als Zentrum der Erdöl- und Erdgasindustrie Norwegens. Sie beherbergt auch das Norwegische Ölmuseum. Die Darstellung der Tiere in ROAs Arbeiten verweist immer auch auf den Eingriff des Menschen in deren Lebenswelt, auf Verdrängung und Bedrohung. Es sind beeindruckende und bedrückende Beiträge des Künstlers im urbanen Raum.

Es lohnt sich immer auf Reisen, sich mit kurzer Webrecherche zu informieren, ob die jeweils besuchte Stadt einen ROA hat, und diesen dann auch aufzusuchen. Der Weg dorthin führt dann meistens zu generell spannenden Streetart-Gefilden, in denen es noch viel mehr interessante Werke zu entdecken gibt. Denn hochwertige Streetart zieht weitere lohnende Streetart an. Auch das ist das Gute daran.

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Vier der fünf Fotos sind auf verschiedenen Reisen vor einiger Zeit entstanden. Nach Gent und Ostende bin ich jeweils von Visit Flanders auf Recherchereise geschickt worden. Zur Tour nach London bin ich von Stena Line zu einer Anreise mit der Fähre und der Bahn eingeladen worden. Die Stadtbesichtigung in Stavanger war ein Landgang im Rahmen einer Kreuzfahrt, zu der ich von Tui Cruises eingeladen wurde. Das Foto aus Köln ist erst kürzlich entstanden. Mit dem selbst finanzierten 9-Euro-Ticket habe ich von Wuppertal einen Ausflug nach Köln unternommen und bin auf Streetart-Tour durch den dafür bekannten Stadtteil Ehrenfeld gegangen.

Weiterführende Informationen

Streetart in Gent
Visit Gent hat auf seiner Homepage eine ausführliche Rubrik zur Streetart in der Stadt zusammengestellt. Außerdem steht dort ein Stadtplan zur Streetart zum Downloaden bereit, der sich “Sorry, Not Sorry Street Art Plan Gent” nennt. Dieser listet mittlerweile fast 200 Pieces in der Stadt auf.

In diesem Artikel erzähle ich mehr von der Stadt, von dem weltberühmten Genter Altar und einem Stück Streetart dazu: Mittelalter goes Streetart in Gent

Mehr Streetart-Artikel auf meinem Blog:

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