Vom Rhythmus der Teebeutel in Joure

Skulptur "Die drei Touristen" in Joure

Der Blick nach oben – die Skulptur „Drei Touristen“ von Annet Haring steht in der Fußgängerzone des friesischen Örtchens Joure. © Foto: Meike Nordmeyer

Immer diese Touristen. Sie stehen einfach da und schauen nach oben. Und ich stehe einfach da und schaue die Nachobengucker an. Die kleine Bronzeskulptur von Annet Haring in der Fußgängerzone des friesischen Städtchens Joure hat es mir angetan. Ich mag die Figuren mit Hund sehr. „Drei Touristen“ heißt das kleine Werk, das auf einem Steinsockel ruht. Natürlich wende ich auch meinen Kopf nach oben, um zu erkunden, wohin die kleine Gruppe schaut. Der stattliche Kirchturm, der Jouster Toren, ist es, der die Leutchen mit der Nase nach oben stehen lässt und nun bei mir die gleiche Körperhaltung bewirkt.

Kirchturm in Joure

Der Blick nach oben geht hinauf zum Jouster Toren, dem Turm von Joure, der zur Kirche mit dem Namen „Hobbe van Baerdt Tsjerke“ gehört.
© Foto: Meike Nordmeyer

Ich bin erst kurz zuvor gemeinsam mit meinen drei Reisegefährten in Joure an Land gegangen. Die Bloggerkollegen Elke, Simone und Roland bilden mit mir die Crew eines Hausbootes von Le Boat. Mit diesem tuckern wir eine Woche lang auf einer ebenso entspannten wie interessanten Reise über die Kanäle der niederländischen Provinz Friesland. In Joure haben wir nun für einen Bummel durch das Örtchen und einen Besuch des dortigen Museums angelegt.

Schon kurz bevor wir die Marina von Joure erreichen, sind wir mit dem Hausboot an Fabrikgebäuden und Lagerhallen vorbeigefahren, an denen der Schriftzug „Douwe Egberts Tabak – Koffie – Thee“ zu lesen ist. Das Unternehmen Douwe Egberts, das vom 1753 in Joure eröffneten Kolonialwarengeschäft mit Kaffeebrennerei zum großen Konzern für Kaffee und Tee wurde, ist in Holland sehr bekannt. Und auch vielen Deutschen ist das Logo bestimmt schon mal auf der Verpackung der Senseo-Kaffeepads aufgefallen. „Bis heute werden in Joure noch Kaffeebohnen geröstet. An manchen Tagen weht dann der Duft durch die Stadt“, berichtet uns Bloggerin Simone, die in Holland lebt und Joure schon auf einer anderen Tour besucht hat. Den feinen Duft können wir zu dem Zeitpunkt gerade nicht schnuppern. Aber nun bin ich noch mehr gespannt auf den geplanten Museumsbesuch. In dem industriellen Komplex vom ausgehenden 19. Jahrhundert, in dem der Kaffeebrenner sich einst ansiedelte, ist nicht nur eine Ausstellung von Douwe Egberts zu den Themen Kaffee, Tee und Tabak eingerichtet. In den zehn historischen Häusern werden darüber hinaus diverse Ausstellungen zum traditionellen Handwerk und zur Geschichte von Joure gezeigt.

Museumshop

Der nostalgische Museumsshop „De Witte Os“ in der Fußgängerzone von Joure. © Fotos: Meike Nordmeyer

Auf geht es also von der Marina in das Städtchen. Die Fußgängerzone ist nicht weit entfernt, wir sind in wenigen Minuten dorthin gelaufen. Nachdem wir die Skulptur mit den drei Touristen entdeckt und fotografiert haben, steuern wir den Museumsshop „De Witte Os“ an, der als nostalgisches Kolonialwarengeschäft von einst aufgemacht ist. Schön sieht es darin aus mit den diversen Dosen, die gefüllt sind mit Bonbons, mit Kaffee oder Tee. Dekorative Spekulatiusformen gehören beispielsweise auch zum Sortiment und zieren die Auslage zusätzlich. Ich probiere die Jouster Lakritzbrocken, finde sie vorzüglich und kaufe mir direkt eine Tüte davon. Der Laden ist eine schöne Einstimmung auf das Museum, zu dem wir nun noch ein paar Schritte weiter laufen.

Teebeutel-Maschine im Museum Joure

Die Teebeutel-Maschine im Museum Joure stammt aus Düsseldorf.
© Foto: Meike Nordmeyer

Im Eingangsbereich des Museums zieht sogleich eine flinke surrende Maschine unsere Aufmerksamkeit auf sich. Wie gebannt schaue ich zu, wie das Gerät blitzschnell Teebeutel zusammenfaltet. Oben wird der lose Tee hineingeschüttet. Dieser landet in kleinen Portionen ganz gezielt auf dem Zellstoff, dem feinen Beutelmaterial, das sogleich geschnitten, zusammengefaltet und dann mit Bändchen und Papieretikett versehen wird. Faszinierend, wie blitzschnell und exakt da die kleinen gefüllten Beutel entstehen. Die Maschine stammt von der Firma „Teepack“ in Düsseldorf aus dem Jahr 1956, so lese ich auf einem kleinen Schild daran. In Düsseldorf Meerbusch hat der Ingenieur Adolf Rambold ab 1948 eine solche Teebeutel-Maschine erstmals konstruiert und dann stetig perfektioniert. Nachdem es zuvor nur wenig ausgereifte kugelförmige Varianten gab, erfindet er mit der Entwicklung seiner Maschine zugleich den Doppelkammer-Teebeutel, mit der sich auch der Geschmack des Aufgusses bedeutend verbessert. Denn der Tee kann nun besser von Wasser umspült werden. Mit seiner Maschine, die den neuartigen Doppelkammer-Teebeutel immer schneller produziert, hat Rambold den Teemarkt revolutiniert. Als praktische, bestens geeignete Serviereinheit verbreitet sich der Teebeutel nun in der ganzen Welt.

Meike im Museum Joure

Einmal auf einer Kaffeetasse sitzen: Meike im Museum Joure.
© Foto: Elke Weiler vom Meerblog

Kaffeekunde im Museum Joure

Kaffeekunde im Museum Joure © Foto: Meike Nordmeyer

An der Teebeutel-Maschine vorbei führt der Weg weiter hinein in die Ausstellung über die Firmengeschichte und die Warenwelt von Douwe Egberts, über den Anbau, die Fertigung, den Genuss und die Vermarktung von Kaffee und Tee. In der ersten Etage nehme ich erstmal auf einer Kaffeetasse platz, von denen dort einige als originelle Hocker bereitstehen. Viel gibt es dort zu lernen und zu erkunden über den Anbau, die Ernte, die Röstung von Kaffeebohnen und natürlich auch über die verschiedenen Sorten und Aromen. Auch das Thema Tee ist weiter präsent. So lerne ich, dass der bekannte Markenname „Pickwick“ literarisch inspiriert ist. Er geht zurück auf „The Posthumous Papers of the Pickwick Club“, dem ersten Roman von Charles Dickens, der 1837 erschienen ist.

Teebeutel-Falten

Arbeitstisch zum Teebeutel-Falten © Foto: Meike Nordmeyer

Dann werde ich aufmerksam auf einen Tisch, an dem es offenkundig etwas zu basteln gibt. Wer möchte, kann sich dort einen Teebeutel selber anfertigen. Das ist eine interessante Aufgabe, da mache ich mich gleich an die Arbeit. Zum Glück hilft mir Simone dabei, indem sie die nur auf niederländisch formulierte Anleitung für mich übersetzt. Mit einem kleinen Löffel schütte ich die kleine Portion Tee der Sorte Sinaasappel (Apfelsine) auf das Stück Zellstoff, aus dem mein Teebeutel entstehen soll. Das Falten führe ich dann nach Ansage von Simone aus.

Arbeitstisch zum Teebeutel-Falten

Konzentration beim Teebeutel-Falten – jetzt muss noch das Bändchen dran.
© Foto: Meike Nordmeyer

Besonders kniffelig wird es bei dem feinen Bändchen, das gut unter die Heftklammer positioniert werden muss. Auf das Etikett habe ich zuvor ein M für meikemeilen gestempelt. Fertig ist mein individueller Teebeutel! Nun ja, das mit dem schlauen Doppelkammer-Prinzip habe ich bei meiner Falttechnik nicht umgesetzt. Da sieht mein Teebeutel doch etwas einfacher aus. Trotzdem bin ich stolz auf mein eigenes Stück. Nun, da ich selbst einen gefertigt habe, weiß ich die Erfindung der Teebeutel-Maschine noch mehr zu schätzen. Diese Geschwindigkeit, mit der die Beutel dort zusammengefügt werden, beeindruckt mich jetzt noch mehr.

Nach den interessanten Räumen zu den Themen Kaffee und Tee schauen wir uns noch einige der anderen Ausstellungen an. In einem benachtbarten Haus ist beispielsweise eine alte Druckerei untergebracht. Die komplette Ausrüstung für den Bleisatz mit einzelnen Buchstaben steht dort bereit. Auch erste Setzmaschinen sind zu sehen, mit denen sich der Schriftsatz deutlich schneller ausführen ließ. Auch hier kann ich wieder selber tätig werden und mir an einer Maschine mit vorgegebener Form ein Lesezeichen drucken.

Arbeitsplatz für den Zifferblatt-Maler

Im Museum Joure sind friesische Wanduhren ausgestellt. Die Ziffernblätter der Uhren wurden kunstvoll bemalt. © Foto: Meike Nordmeyer

Beim Eintritt in das nächste alte Backsteinhaus hüllt uns eine Wolke aus diversen Tick-Tack-Geräuschen ein. Dort empfängt uns eine Uhrenausstellung, denn Joure war ein Zentrum des Uhrmacher-Handwerks im 18. und 19. Jahrhundert. Prächtige friesische Languhren sind an den Wänden aufgereiht. Sie besitzen bunt bemalte Zifferblätter, auf denen Segelschiffe, Landschaften mit Windmühlen, spielende Kinder oder ein Hirsch im Wald zu sehen sind. So manches bewegliche Element ist dabei, da schaukeln Schiffe im Takt der Uhr auf den Wellen oder der Hirsch springt durch den Wald. Besonders gut gefällt mir die nachgebaute Werkstatt mit der Staffelei, die bereitsteht, um die Zifferblätter zu bemalen. Zu der Arbeit an der Mechanik gesellt sich die kunstvolle Gestaltung – das ist ein feines, kreatives Handwerk, an das hier erinnert wird.

Und es gibt noch so viel mehr zu entdecken und auszuprobieren im Museum Joure. Regelmäßig werden dort auch verschiedene handwerkliche Arbeiten von ehrenamtlichen Mitarbeitern vorgeführt und erläutert. Im Sommer finden dort beispielsweise jeden Donnerstag Handwerks-Vorführungen statt.

Im Café des Museum Joure

Im Café des Museum Joure – hier geht mein selbstgefalteter Teebeutel gleich auf Tauchgang. © Foto: Meike Nordmeyer

Zum Eintrittsticket gehört außerdem ein Gutschein für ein Heißgetränk in dem kleinen, ebenfalls nostalgisch eingerichteten Museumscafé. Der Einladung folgen wir gerne. Ich will sie nutzen, um meinen selbstgefertigten Teebeutel nun einzusetzen. Als das Glas mit dem heißen Wasser vor mir auf dem Tisch steht, lasse ich den kleinen Beutel noch einen Moment lang knapp über der Wasseroberfläche schweben und senke ihn dann langsam hinab. Gierig saugt der kleine Beutel das klare Nass in sich auf und färbt es ein. Das ist durchaus ein besonderer Moment. Ich weiß jetzt schon, dass ich zukünftig noch öfters einen Teebeutel mit Bedacht ins Wasser tunken werde. Ich werde dabei an meine langsame Handarbeit denken und an die blitzschnelle Maschine. Es hat alles seine eigene Geschwindigkeit. In Joure habe ich den Rhythmus des Teebeutels erfahren.

Unterwegs mit dem Hausboot

Mit dem Hausboot unterwegs nach Joure – das ist eine besonders schöne Art, in das friesische Städtchen zu reisen. © Foto: Meike Nordmeyer

Besuch am Hausboot

In der Marina von Joure kommt Besuch zum Hausboot.
© Foto: Meike Nordmeyer

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Zu der Tour mit dem Hausboot in Friesland bin ich gemeinsam mit den Bloggerkollegen Elke, Simone und Roland eingeladen worden von Le Boat und vom Niederländischen Büro für Tourismus & Convention (NBTC). Der Besuch des Museums in Joure gehörte zur Einladung auch dazu.

Mehr über die Tour mit dem Hausboot schreibe ich hier:
Mit dem Hausboot in Friesland unterwegs

Das Museum Joure liegt an der Geelgieterstraat 1-11. Im Sommer gibt es dort jeden Donnerstag Handwerks-Vorführungen. Auf vorherige Anfrage sind auch Führungen auf Deutsch möglich. Genauere Infos zu Öffnungszeiten und Eintrittspreisen finden sich auf der Webseite des Museums. Der Museumsladen De Witte Os befindet sich an der Midstraat 97, das ist die Fußgängerzone.

Die Artikel der Bloggerkollegen über die Tour sind hier lesen:
Elke vom Meerblog schreibt:
Von Kühen, Kojen, Kurven
Das Leben ein Schaukeln

Simone von Nach-Holland schreibt:
Abenteuer Hausboot-Tour in Friesland
Hausboot Friesland – Fakten und praktische Tipps
Und sie berichtet auch über das Museum Joure:
Kaffeeduft und Glockenschlag – ein Besuch im Museum Joure

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Zum Weiterlesen

Meike Nordmeyer

Über Meike Nordmeyer

Hier bloggt Meike Nordmeyer, freie Journalistin aus Wuppertal. Auf ihrem Reiseblog meikemeilen schreibt sie über ihre Reisen rund um die Welt, und ihre liebsten Themen sind dabei Kultur und Genuss.
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7 Antworten auf Vom Rhythmus der Teebeutel in Joure

  1. Ingo sagt:

    Mit einer Setzmaschine wurde der Schriftsatz beschleunigt. Nicht der Druckprozess per se. Denn den damaligen Maschinen war es egal, ob im Schließrahmen Handsatz oder Maschinensatz eingeschlossen war… ;-)

  2. vielweib sagt:

    Wunderbar <3 Ähnliches hab ich in Kampen (Niederländische Hansestädte) entdeckt. Musste gleich mal googlen, wo das Örtchen Joure liegt und in mein Evernote schieben :-)
    Da werde ich auch mal hin. Danke Dir für den Artikel.

  3. Sabine Nagl sagt:

    Seit 20 Jahren gehe ich in Joure einkaufen und ich bin noch nie auf die Idee gekommen, in das Museum zu gehen. Das werde ich bei der nächsten Gelegenheit auf jeden Fall tuen!

  4. Pingback: Mit dem Hausboot durch Friesland, Teil 2 | Niederlande

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