Bei Lessing in Wolfenbüttel – dem Dichter ganz nah

Lessinghaus mit Skulptur davor

Es ist Nathan der Weise, der da vor dem Lessinghaus in Wolfenbüttel steht. Bildhauer Erich Schmidtbochum hat die Skulptur im Jahr 1961 geschaffen und damit der Hauptfigur aus Gotthold Ephraim Lessings berühmten Ideendrama ein Denkmal gesetzt. © Foto: Meike Nordmeyer

Werbung – Dieser Artikel wurde gefördert von Tourismus Wolfenbüttel

Im Lessinghaus

Der Gartensaal im Lessinghaus. Die Stühle verweisen auf die Besucher, die öfter im Hause Lessing weilten, wie beispielsweise der Schriftsteller Adolph Freiherr von Knigge und der Philosoph Moses Mendelssohn. © Foto: Meike Nordmeyer

Die alten Dielen knarzen. Langsam laufe ich über den Holzboden im Lessinghaus in Wolfenbüttel. Ich bin für einige Zeit ganz allein in den einstigen Wohnräumen des berühmten Dichters der Aufklärung. Das ist ein besonderer Moment, denn so kann ich mich auf die Geräusche des Raumes konzentrieren und die besondere Atmosphäre erspüren. Wahrscheinlich haben die Dielen zu Lessings Zeiten schon an genau denselben Stellen unter den Schritten geächzt wie heute. Und Lessing kannte die besonderen Knarzpunkte sehr genau, denn – so stelle ich es mir zumindest vor – er lief sicherlich öfters sinnierend durch diese Räume.

Im Jahr 1770 kam Lessing nach Wolfenbüttel und wurde als Bibliothekar vereidigt. Die Herzogliche Bibliothek war damals für ihren bedeutenden Bestand berühmt, sie galt sogar als achtes Weltwunder. Auch Lessing war bereits ein bekannter Mann, er wurde als Dichter, Kritiker, Dramaturg und Gelehrter hoch geschätzt. Dennoch war er mit seinem Versuch, als freischaffender Schriftsteller zu leben, immer wieder in Geldnöte geraten. Die feste Stelle in Wolfenbüttel bot ihm endlich ein sicheres Einkommen. Bald darauf verlobte Lessing sich endlich mit seiner Freundin Eva König. Bis zur Hochzeit und einem gemeinsamen Leben dauert es jedoch noch bis 1776. Als die Eheleute im Dezember 1777 in das Hofbeamtenhaus einzogen, war Eva hochschwanger.

Doch das Glück der beiden sollte nicht lange währen. Die Geburt des Sohnes Traugott an Weihnachten bereitete Komplikationen. Das Kind musste mit einer Geburtszange geholt werden. Es starb am folgenden Tag. Kurze Zeit später, am 10. Januar 1778, verlor Lessing auch seine Eva. In dem Sterbezimmer seiner Frau richtete sich Lessing nun sein Arbeitszimmer ein. Er lebte in dem Haus bis zu seinem Tod 1781.

Riss an der Wand

Ein Riss im Raum. Er zieht sich im Sterbezimmer an der Wand hinab, ganz so als erzählte er von dem traurigen Schicksal im Lessinghaus. © Foto: Meike Nordmeyer

Was für einen Schmerz muss dieser doppelte Verlust für Lessing bedeutet haben. In diesem verhängnisvollen Raum stehe ich nun mit bangem Atem. In einer kleinen Vitrine ist eine Geburtszange aus dieser Zeit ausgestellt. Der Anblick lässt mich erschaudern. Dann entdecke ich noch etwas: diesen Riss im Raum, der sich als bizarre Linie an einer der Wände hinunterzieht. Es ist, als sei damit der Riss gezeichnet, der damals durch Lessings Seele gegangen sein muss.

Und dennoch hat der Dichter die Kraft gefunden, weiter zu arbeiten. Nach dem Tod seiner Frau schrieb Lessing in diesem Zimmer eins seiner wichtigsten Werke, das Drama „Nathan der Weise“. Er schuf damit ein herausragendes Plädoyer für Toleranz und Humanismus. Das Theaterstück gehört heute unverrückbar zum Bildungskanon mit seiner zeitlos gültigen Aussage, und es erweist sich dabei immer wieder von Neuem als unerhört aktuell. Mit einem Besuch im Lessinghaus werden die erschütternden Umstände seiner Entstehung präsent.

Lessingportrait

Jugendbildnis von Lessing, Maler unbekannt. © Foto: Meike Nordmeyer

Doch natürlich geht es in dem Dichterhaus nicht nur um das traurige Schicksal, das Lessing widerfuhr, sondern um noch viel mehr. Eine interaktive Ausstellung informiert umfassend über Lessings Zeit in Wolfenbüttel, über sein Leben und Wirken dort, seine Arbeit und Leistung als Bibliothekar und Schriftsteller und über den regen Ausstausch mit anderen Dichtern und Denkern seiner Zeit. Dafür wurden Textafeln, Vitrinen mit zum Lesen aufziehbaren Schubladen sowie ein Info-Terminal und eine Filmstation zusammengestellt. All diese Elemente sind genügend zurückhaltend in den Räumlichkeiten platziert, sodass sie dem Ort seine eigene Atmosphäre lassen und doch einladend bereitstehen. Es gelingt bestens, in zusammenfassenden Texten fundiert zu informieren und selbst so komplexe Themen darzustellen, wie etwa den sogenannten Fragmentenstreit, den Lessing vor allem mit dem Hamburger Hauptpastor Johann Melchior Goeze führte. Es handelt sich dabei um eine bedeutende theologische Auseinandersetzung der Zeit. Für Lessing war sie von zentraler Bedeutung. Denn sie bewirkte schließlich, dass ein Publikationsverbot auf dem Gebiet der Religion gegen ihn verhängt wurde. Das veranlasste ihn dazu, seine Anschauungen auf literarischem Wege auszudrücken und sie mit dem Drama „Nathan der Weise“ darzustellen.

Die Ausstellung im Lessinghaus ermöglicht den Besuchern einen guten Einstieg in die Welt des Dichters und bietet auch Kennern vertiefende Informationen. Einige wenige echte Gebrauchsgegenstände von Lessing finden sich zudem dort, wie beispielsweise ein Schachtisch aus seinem Besitz oder ein Spazierstock, den der Dichter für seine Wanderungen nach Braunschweig verwendete, wo es ihn öfters hinzog. Besonders in Erinnerung geblieben ist mir auch das oben gezeigte Portrait des jungen Lessing, das ebenfalls zur Ausstellung gehört.

Lessing-Bild überm Bett

Im Hotel Rilano 24/7 empfängt mich Lessing in meinem Zimmer. © Foto: Meike Nordmeyer

Doch in Wolfenbüttel ist mir der Dichter nicht erst im Lessinghaus begegnet. Schon bei meiner Ankunft im Hotel am Abend zuvor hat er mich mit ernstem, doch milden Blick begrüßt. In jeden Zimmer des Hotels Rilano 24/7 schaut der Dichter in den Raum hinein, wie man mir auf Nachfrage bestätigt. Originellerweise ist das Bild auf einem Rollo angebracht. Wer es also nicht sehen mag, weil vielleicht die Erinnerung an die Schullektüre zu sehr nervt, der kann das Anlitz auch rasch zusammenrollen. Doch auch diesen Gästen sei der Besuch des Lessinghauses empfohlen, denn es bietet die gute Chance, über die aus Zwang geborene Aversion endlich hinwegzukommen und nun einmal selbst dem großen Dichter zu begegnen.

Das Hotel Rilano liegt direkt am Rand der Altstadt. Das ist praktisch. So kann ich am nächsten Morgen gleich loslaufen zur Besichtigung. Ich gehe nicht direkt zum Lessinghaus, sondern laufe erst ein wenig durch die Gassen von Wolfenbüttel, um ein Gefühl für die Stadt zu bekommen, die mit rund 600 historischen Fachwerkhäusern aufwartet. Ich steuere erstmal die Krumme Straße an, die mir als besonderes Fachwerk-Konzentrat empfohlen wurde. Und tatsächlich ist es sehr beeindruckend, was sich da an alten Schmuckstücken mit hellblauem, grauem, rotem, ockergelbem oder braunem Fachwerk aneinanderreiht. Ich schlendere durch die langgezogene, gebogene Straße und fühle mich wie auf einer kleinen Zeitreise.

Fachwerk in Wolfenbüttel

In der Krummen Straße in Wolfenbüttel reiht sich ein Fachwerkhaus an das andere. © Foto: Meike Nordmeyer

Lessing im Fenster

Die „Galerie auf Zeit“ in der Straße Großer Zimmerhof hat Bilder von Lessing im Fenster platziert. © Foto: Meike Nordmeyer

Von der Krummen Straße aus gehe ich zum Stadtmarkt. Der große zentrale Platz in der Altstadt ist ebenso von Fachwerkhäusern gesäumt. Eher zufällig laufe ich dann weiter in die Straße Großer Zimmerhof und entdecke dort Lessing in einem Fenster. In der dortigen „Galerie auf Zeit“ sind hinter den Glasscheiben zwei kleine Gemälde platziert, eins stellt die Hand des Dichters mit seiner Schreibfeder dar, das andere ein Portrait von ihm – ein schönes Ensemble, dass sich dort über den bepflanzten Blumenkästen zeigt. Doch nicht nur der Schriftsteller aus dem 18. Jahrhundert ist in dieser Straße mit kritischem Blick präsent. Auf der gegenüberliegenden Seite findet sich Lyrik aus heutiger Zeit. An einem leerstehenden Gebäude, ein ehemaliges Kaufhaus, sind an den Schaufenstern große Transparente angebracht, auf denen verschiedene Gedichte zu lesen sind. Lyrik am Leerstand – das ist eine schöne Idee! Wie passend, dass damit mitten in der Lessingstadt auch heutige Dichtkunst in großen Lettern vertreten ist.

Lyrik am Leerstand

Lyrik am Leerstand in der Straße Großer Zimmerhof. © Foto: Meike Nordmeyer

Ich laufe langsam an den Gedichten vorbei, nicht ohne sie alle zu fotografieren. Dann entdecke ich in dieser Straße auch noch, dass dort das Wohn- und Brauhaus des Musikers und Komponistens Michael Praetorius steht. Eine kleine Tafel an der Hauswand macht mich darauf aufmerksam. Da habe ich ja genau die richtige Straße in Wolfenbüttel gefunden! Ich fühle mich nun bestens eingestimmt auf meinen Besuch im Lessinghaus. Als ich das ansteuere, sehe ich davor schon von weitem die Figur von Nathan den Weisen auf der Wiese stehen. Aufrecht, in stolzer Haltung erinnert die markante Skulptur dort an das Theaterstück mit der Ringparabel, wo es einst ersonnen wurde.

Ich stapfe über die Wiese einmal um die Skulptur herum. Mein Blick fällt dabei natürlich auch auf das mächtige Gebäude der Herzog August Bibliothek, wie sie heute bezeichnet wird. Der Nachfolgebau, in dem sie untergebracht ist, wurde im neobarockem Stil in der Zeit von 1881 bis 1886 errichtet. Natürlich werde ich die Bibliothek später auch noch besichtigen. Im Lessinghaus werde ich nun aber erstmal erfahren, wie die Bibliothek zu Zeiten des Dichters aussah. In einem der Räume dort stehe ich vor einem Modell der sogenannten Bibliotheksrotunde, wie sie damals genannt wurde. Nun bin ich also mittendrin in Lessings Wolfenbüttel, durch das ich auf knarzenden Dielen schreite. Bei Lessing zu Hause, dem Dichter ganz nah.

Herzog August Bibliothek

Direkt neben dem Lessinghaus steht die heutige Herzog August Bibliothek, ein neubarocker Nachfolgebau, der in der Zeit von 1881 bis 1886 errichtet wurde. © Foto: Meike Nordmeyer

Modell Bibliotheksrotunde

Im Lessinghaus ist ein Modell der Rotunde zu sehen. So wurde das Gebäude der Herzoglichen Bibliothek zu Lessings Zeiten genannt. Es war Anfang des 17. Jahrhunderts als erster selbstständiger profaner Bibliotheksbau Europas errichtet worden. Angeregt hatte den Neubau der Gelehrte, Mathematiker und Philosoph Gottfried Wilhelm Leibniz, der von 1691 bis 1716 als Bibliothekar in Wolfenbüttel und somit als ein Vorgänger von Lessing tätig war. © Foto: Meike Nordmeyer

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Das Lessinghaus und die Herzog August Bibliothek stehen am Lessingplatz 1 in Wolfenbüttel. Die Öffnungzeiten für die musealen Räume in beiden Gebäuden sind von Dienstag bis Sonntag von 10 bis 16 Uhr. Weitere Infos: www.hab.de

Dieser Beitrag wurde gefördert vom Amt für Wirtschaftsförderung und Tourismus Wolfenbüttel. Im Rahmen der Einladung habe ich im Hotel Rilano 24/7 gewohnt.

Mehr über die Lessingstadt Wolfenbüttel gibt es auf dem Blog von Tourismus Wolfenbüttel mit dem schönen Titel „echt lessig“ zu lesen.

Die Tour habe ich mit Bloggerkollegin Karin von „Bonn geht essen“ unternommen. Hier berichtet sie über Wolfenbüttel:
Wolfenbüttel: das Bürgermuseum
Wolfenbüttel: ein Genuss wie im Märchen

Auch interessant:
Tanja vom Blog „Vielweib“ schreibt über eine Cabriotour ausgehend von Wolfenbüttel durch das nördliche Harzvorland.

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Zum Weiterlesen

Meike Nordmeyer

Über Meike Nordmeyer

Hier bloggt Meike Nordmeyer, freie Journalistin aus Wuppertal. Auf ihrem Reiseblog meikemeilen schreibt sie über ihre Reisen rund um die Welt, und ihre liebsten Themen sind dabei Kultur und Genuss.
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2 Antworten auf Bei Lessing in Wolfenbüttel – dem Dichter ganz nah

  1. vielweib sagt:

    Danke für Deine Einblicke in die schöne Fachwerkstatt. Das nächste Mal sollte ich auch auf Lessings und Casanovas Spuren wandeln. Dein Artikel macht Lust auf mehr – danke! Liebe Grüße Tanja

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