List auf Sylt: Von wilden Austern und cremigem Eis

Auf der Austernwanderung

Austernwanderung in List – Biologin Diane Seidel führt eine Tour durch das Watt und kann viel über die Sylter Austern erzählen. Hier hat sie eine zuvor im Watt gesammelte wilde Auster gerade geöffnet und bietet sie zum Verzehr an. © Foto: Meike Nordmeyer

Werbung – Dieser Artikel wurde gefördert von der Tourismus-Agentur Schleswig-Holstein.

Schnell holt Diane Seidel den Kettenhandschuh und das Austernmesser aus dem Rucksack. Sie hat eine wilde Auster im Watt vor List auf Sylt gefunden und will sie nun für den Direktverzehr öffnen. „Frischer als hier werden Sie die nicht bekommen“, sagt die Biologin und Umweltpädagogin aufmunternd zu den umstehenden Teilnehmern der Austernwanderung, mit denen sie an diesem Vormittag im Watt in der Blidselbucht unterwegs ist.

Manche Teilnehmer schauen schon erwartungsvoll und freuen sich auf den Genuss, andere bleiben eher skeptisch. Recht unsicher sieht wohl auch mein Blick aus. Ich überlege noch. Soll ich wirklich das noch lebende Tier gleich runterschlürfen? Ich habe schon mehrfach Austern probiert, auch die Kulturauster „Sylter Royal“, der Stolz dieser Insel. So ganz mein Fall sind Austern jedoch nicht. Aber die Biologin hat ja recht: spontan im Watt aufgesammelt – so frisch gibt es die sonst nirgends. Die Gelegenheit muss genutzt werden. „Am besten ist es, die Auster zu kauen, ganz zum Schluss wird die dann leicht süßlich, achten Sie mal darauf“, empfiehlt sie und reicht mir das frisch geöffnete Exemplar. Ich lege los und mache es so, wie sie gesagt hat. Glitschig ist es im Mund, aber dieser frische salzige Geschmack von Meer, der ist schon toll, und dann kommt tatsächlich noch etwas Nussiges und eine leichte Süße hinterher – faszinierend. „Mhmmmm“, höre ich es neben mir. Zwei Austernfans haben ihre Fundstücke ebenfalls von Diane Seidel öffnen lassen und sind hingerissen von dieser Kostprobe.

Austernbänke

Die Austernbänke in der Blidselbucht im Watt von List auf Sylt. In den aufliegenden Netzsäcken, den sogenannten Poches, wächst die Kulturauster „Sylter Royal“ heran, eine berühmte Delikatesse der Insel. Bei Flut werden die Poches von Meerwasser durchspült. © Foto: Meike Nordmeyer

Ob nun Begeisterung oder verhaltene Freude beim Verzehr – eine Austernwanderung im Wattenmeer von List ist auf jeden Fall eine lohnende Expedition, bei der sich viel lernen lässt. Angeboten wird diese vom Erlebniszentrum Naturgewalten Sylt, wo die Tour startet und die Teilnehmer auch Gummistiefel leihen können. Mit dem Linienbus fährt unsere Gruppe von dort ein paar Stationen bis zur Lister Siedlung Westerheide, um dort auf einem schmalen Weg durch die Dünen zur Blidselbucht zu laufen. Die weite Fläche des Wattenmeers liegt nun vor uns und glänzt silbrig, obwohl der Himmel bedeckt ist. Etwas weiter draußen im Schlick sind die aufgereihten Austernbänke des Unternehmens Dittmeyer’s Austern-Compagnie GmbH zu sehen. Dort reifen die Kulturaustern „Sylter Royal“ heran. Die Mitarbeiter dieser Austernaufzucht sind bei Ebbe mit der Kontrolle und der Pflege der Bänke beschäftigt. Die auf den Eisengestellen aufliegenden Netzsäcke, die sogenannten Poches, müssen regelmäßig gewendet und geschüttelt werden, damit die darin befindlichen jungen, sich noch entwickelnden Austern nicht zusammenwachsen und verklumpen. Bei Flut werden die durchlässigen Poches von frischem Meerwasser durchspült.

Unsere Gruppe läuft mit Diane Seidel nah heran an die Austernbänke. Von den Austernpflegern halten wir Abstand, um sie nicht bei der Arbeit zu stören. Das Areal gilt als Firmengelände, das Betreten ist Wattwanderern eigentlich nicht erlaubt, was aufgestellte Schilder auch deutlich machen. Doch im Rahmen der Führung ist es gestattet. Die Biologin erklärt den wissbegierigen Teilnehmern der Austernwanderung alles über die wertvollen Schalentiere, die hier aus Setzlingen, die aus Irland eingekauft werden, innerhalb von zwei Jahren herangezogen werden. Es handelt sich dabei um die ursprünglich aus Japan stammende pazifische Felsauster, die auf Sylt seit 1986 aufgezogen wird. Die heimische norddeutsche Auster, die einst hier in großen Mengen präsent war und schon in vergangenen Jahrhunderten hochgeschätzt wurde, ist seit Ende des 19. Jahrhunderts massiv zurückgegangen. Seit den 1950er Jahren ist sie ganz aus dem Wattenmeer von Sylt verschwunden. Sie wurde zu umfangreich und zu unachtsam gesammelt, die Bestände massiv überfischt und so hat man sie damals aus Unwissenheit allmählich ausgerottet.

In den 1980er Jahren kam die Idee auf, die pazifische Auster auf Sylt anzusiedeln. 1986 hat Dittmeyer’s Austern-Compagnie damit begonnen. Dabei nahm man an, dass sich die fremde Austernsorte im kühlen Nordseewasser nicht unkontrolliert ausbreiten würde. Doch das war offenbar eine Fehleinschätzung. Die Austern bleiben nicht nur auf der vorgesehenen Kulturfläche. Ihre zunächst frei umherschwimmenden Larven sorgen für die Verbreitung. Die pazifische Auster ist längst über Sylt hinaus gelangt, lässt sich im Watt von Amrum finden und auch schon in Norwegen. Die Klimaerwärmung hat diese Verbreitung wohl deutlich begünstigt.

Dünen von List

Blick vom Wattenmeer zurück auf die Dünen von List, in denen reetgedeckte Häuser hocken.
© Foto: Meike Nordmeyer

Von all dem berichtet Umweltpädagogin Seidel. Auch generell vom Lebensraum Wattenmeer weiß sie natürlich viel zu erzählen. Sie hat einen Spaten dabei und schaufelt einen großen Brocken aus dem Schlick. Eine Schwertmuschel steckt darin. Seidel löst sie vorsichtig heraus und legt sie an anderer Stelle wieder auf dem Boden ab. „Schauen Sie mal, was jetzt passiert“, sagt sie. Nach ein paar Sekunden kommt Bewegung in die längliche Muschel. Ihr weißer Fuß lugt hervor, drückt sich in den Sand und mit einem Ruck zieht sich die Muschel in den aufrechten Stand. Dann bohrt sie sich zügig in den Schlick hinein. Eine beeindruckende, kraftvolle Aktion des kleinen Lebewesens. Während Seidel noch viel mehr erklärt, stiefelt die Gruppe das Watt entlang Richtung Hafen. Ich genieße dabei auch den Blick von hier draußen auf die Dünen. Reetgedeckte Friesenhäuser hocken dort in den Gräsern – eine malerische Kulisse. Ein Stück weiter ist auch die mittlere der drei Wanderdünen zu sehen, die auf Sylt noch aktiv sind.

Wir haben das Gelände der Austernzüchter bereits verlassen und können nun damit beginnen, wilde Austern zu suchen. Seidel weiß natürlich, an welchen Stellen diese besonders gut zu finden sind, und schon bald halte ich eine in den Händen. Auch die anderen Teilnehmer kommen mit ihren Fundstücken herbei, und so kann das Öffnen und die Verkostung beginnen. Etwa vier Stunden dauert die spannende Austernwanderung. Gut gefüttert mit Eindrücken, Informationen und einigen frischen Austern erreicht die Gruppe schließlich die Promenade, die sich hinter dem Hafen von List entlang des Wattenmeers zieht. Über diese bummeln wir nun zum Hafen und dann zurück zum Erlebniszentrum.

Hafen in List

Kleine Boote im Hafen von List und davor liegt auf Reede das Kreuzfahrtschiff MS Hamburg.
© Foto: Meike Nordmeyer

Dort gebe ich die geliehenen Gummistiefel zurück und nutze die Gelegenheit, die Ausstellung zu besuchen. Im ersten Stock findet sich ein Satellitenbild von der Insel, das riesengroß auf dem Boden abgebildet ist. Ich schlüpfe schnell in die erforderlichen Filzpantoffeln, um über die gesamte Insel zu laufen. Vor allem die Aufsicht auf die drei Wanderdünen fasziniert mich. Die Mittlere ist schon recht nah an die Autostraße herangerückt, das hatte ich schon bei der Anreise bemerkt. Vom vorherrschenden Westwind getrieben bewegen sich diese wanderlustigen Sandaufwehungen im Jahr mehrere Meter Richtung Osten.

Landkarte List

Der Blick von ganz weit oben: Im Erlebniszentrum Naturgewalten findet sich ein großes begehbares Satellitenbild von ganz Sylt und dem umliegenden Meer. In Filzpantoffeln schluffe ich über die Insel und stehe hier direkt an der Ortschaft List. © Foto: Meike Nordmeyer

Ich streife weiter durch die interessante Ausstellung und lese mit besonderen Interesse die Informationen, die hier zu den Sylter Austern zusammengestellt sind, sowohl zu den ursprünglichen europäischen als auch zu den neuangesiedelten pazifischen Schalentieren. Das ist eine gute Ergänzung zu dem, was ich schon auf der Wanderung im Watt so anschaulich gelernt habe. Auch Zarin Katharina, die Große, hat Sylter Austern einst genossen. Sie erhielt 1764 eine Lieferung der Delikatesse zum Geburtstag als Dank für ihren Verzicht auf Erbansprüche im Herzogtum Schleswig-Holstein, so ist es in einem Infotext an der Wand zu lesen.

Wer das Erlebniszentrum besucht, der sollte auch unbedingt auf die Dachterrasse gehen, die einen weiten Ausblick über die Insel bietet. Von dort lässt sich zum Hafen und weiter zur Blidselbucht zurückschauen. In die andere Richtung geht der Blick auf den Ellenbogen von Sylt, und auch die dahinterliegende dänische Insel Rømø ist schemenhaft zu erkennen.

Nach all diesen Erkundungen ist jetzt erstmal ein Cappuccino im Museumsbistro fällig. Einen Moment muss ich einfach mal verschnaufen, bevor es weitergeht. Denn natürlich steht noch einiges auf dem Programm. Ich will schon bald weiter zu einem Aussichtspunkt in den Dünen, der mir empfohlen wurde. Dafür laufe ich vom Erlebniszentrum Richtung Westen und steuere zunächst die Kurverwaltung List in dem alten Schulgebäude an der Straße Landwehrdeich an. Dort biege ich nach rechts ab und laufe die Mövenbergstraße bis zum nördlichen Ortsausgang. Kurz hinter den letzten Häusern führt auf der linken Seite eine Holztreppe hinauf und dann wieder ein Stück abwärts mitten hinein in die Dünen zu dem besagten Aussichtspunkt. Von diesem blicke ich in die weite Dünenlandschaft von List und direkt auf die große Wanderdüne, die mit ihrem hellen, weitgehend unbewachsenen Sand in der Sonne leuchtet und ziemlich rieselig und unternehmungslustig wirkt.

Blick auf die Wanderdüne

Dieser Aussichtspunkt am nördlichen Ortsausgang von List bietet einen Blick auf die große Wanderdüne von Sylt. © Foto: Meike Nordmeyer

Doch nicht nur der Blick auf die Wanderdüne, sondern rundum ist der Ausblick sehr lohnend. Gen Norden lässt es sich auch auf den Ellenbogen der Insel schauen. Natürlich besuche ich diesen später auch noch. An dem einsamen, weiten Sandstrand dort liegt der nördlichste Punkt Deutschlands. Damit gilt List als ein Zipfelort von Deutschland und ich habe mit meinem Besuch meinen vierten Stempel im Zipfelpass verdient. Was es damit auf sich hat, erzähle ich in einem weiteren Blogbeitrag: Das Finale in List: Der 4. Stempel im Zipfelpass.

Eisbecher

Besonderer Genuss in List: ein Besuch der Sylter Eismanufaktur © Foto: Meike Nordmeyer

Langsam steige ich die Holzstufen durch die Dünen wieder hinab auf die Straße. Jetzt habe ich mir aber wirklich nicht nur einen weiteren Kaffee, sondern auch eine süße Stärkung verdient. Von hier aus geht es jetzt endlich weiter zur Sylter Eismanufaktur. Auf diesen Besuch freue ich mich schon den ganzen Tag. Ich laufe wieder ein Stück in den Ort hinein, immer geradeaus und erreiche schon bald das schneeweiße Friesenhaus an der Dünenstraße mit der einladenden Sylter Eismanufaktur. Ich wähle die Sorten Johannisbeere Schmand und Meersalz-Quark Karamell, setze mich gemütlich im Garten in einen Strandkorb und löffele die köstliche hausgemachte Eiscreme, die aus regionalen Produkten und insbesondere aus Milch der Sylter Molkerei hergestellt wird. Ja, in meinem anderen Artikel über List ist auch ein Eisbecher der Manufaktur zu sehen. Denn natürlich musste ich nochmal wiederkommen und eine weitere Portion vernaschen.

Alter Gasthof in List

Speisen wie im Museum – in der Fliesenstube des Restaurants „Über 200 Jahre Alter Gasthof“ in List. © Foto: Meike Nordmeyer

Wilde Austern am Vormittag, cremiges Eis am Nachmittag – da fehlt nur noch ein besonderes Abendessen, das ich in List auch noch genießen darf. Am Abend kehre ich in das Restaurant mit dem etwas sperrigen Namen „Über 200 Jahre Alter Gasthof“ ein. Es liegt nicht weit entfernt vom Hafen und meinem dortigen Hotel Strand. Der Gasthof ist nicht nur sehr alt, es lässt sich darin auch speisen wie in einem Museum. Das alte Friesenhaus ist nicht nur von außen ein Schmuckstück, es ist auch innen noch sehr historisch und nostalgisch eingerichtet. Es besitzt eine Stube, die rundum mit original blauweißen Bibelfliesen aus dem 18. Jahrhundert verziert ist. Das ist ein beeindruckender Anblick. Als ich mich bei der Bedienung genauer nach den Fliesen erkundige, bringt sie prompt eine Mappe, in der Abbildungen von allen Motiven mit der Benennung der jeweiligen Bibelszenen zu finden sind. Zu der besonderen Atmosphäre gibt es in dem Gasthof auch sehr gutes Essen, natürlich mit viel Fisch und auch mit bodenständigen, friesischen Gerichten. Ich bestelle Dorsch, knusprig in Kartoffelkruste mit Thymian gebacken, serviert mit einer körnigen Senfsauce und Gurkensalat – wirklich vorzüglich, was mir da serviert wird. So bildet der Restaurantbesuch einen gelungenen Ausklang eines erlebnis- und genussreichen Tages in List.

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Dieser Beitrag wurde gefördert von der Tourismus-Agentur Schleswig-Holstein. Zu der Reise nach List bin ich von der Tourismus-Agentur Schleswig-Holstein und der Kurdirektion List eingeladen worden. Im Rahmen der Einladung habe ich im Hotel Strand in List gewohnt.

Mehr zur Geschichte der Austern auf Sylt lässt sich auf der Webseite der Dittmeyer’s Austern-Compagnie GmbH nachlesen.

Auf der Webseite des Erlebniszentrums Naturgewalten Sylt gibt es mehr Informationen zur Austernwanderung und generell zur Ausstellung, zu Öffnungzeiten und Eintrittspreisen.

List ist einer von vier Zipfelorten in Deutschland. Was das bedeutet, erzähle ich in diesem Blogartikel: Das Finale in List – Der 4. Stempel im Zipfelpass

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Zum Weiterlesen

Meike Nordmeyer

Über Meike Nordmeyer

Hier bloggt Meike Nordmeyer, freie Journalistin aus Wuppertal. Auf ihrem Reiseblog meikemeilen schreibt sie über ihre Reisen rund um die Welt, und ihre liebsten Themen sind dabei Kultur und Genuss.
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2 Antworten auf List auf Sylt: Von wilden Austern und cremigem Eis

  1. Andrea sagt:

    Schön klingt das. Und lecker! Da muss ich wohl bald auch endlich mal nach Sylt.

  2. Claudia G. sagt:

    Sehr schöne Vorstellung der Nachbarinsel unserer auserkorenen Lieblingsinsel Föhr. Bis jetzt hat es uns immer gereicht, sie vom weitem zu sehen. Na, vielleicht machen wir im nächsten Frühjahr doch mal einen Abstecher nach Sylt. :)
    Liebe Grüße, Claudia

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